Fernheilung

Nachtschicht. Ich habe vor Mitternacht einige Patienten gesehen, bin danach noch auf den Stationen vorbei um zu sehen, ob grade noch etwas ansteht, habe mich bei der Pflege abgemeldet und bin schliesslich schlafen gegangen. Kurz nach 2 Uhr weckt mich das Telefon. Die Pflege ist dran.

Pflege: „Ich habe einen Mann am Telefon, der eine Frage hat wegen seiner Frau. Die hat Bauchschmerzen. Ich stell ihn  dir durch.“

Noch nicht ganz wach, atme ich einmal kurz durch. „Krautundrübenspital, Dienstärztin Gramsel?“

Herr S.: „Hallo, hier ist Stöhr. Meine Frau hat starke Bauchschmerzen, und ich weiss nicht, was ich machen soll. Sie hat vor einer Woche die Spirale bekommen, und hat Angst, dass damit etwas nicht in Ordnung ist.“

Bei Bauchschmerzen mitten in der Nacht habe ich mir ein Standardvorgehen zugelegt, welches bisher immer funktioniert hat: Ich stelle einige Fragen, um etwas Akutes, Gefährliches auszuschliessen – sogenannte „Red flags“, Hinweise, welche kleine Warmlämpchen in meinem Kopf aufleuchten lassen. Wenn keine Red flags vorhanden sind, rate ich den Patienten, ein Paracetamol und eine Bettflasche zu nehmen und eine Stunde damit zu warten. Wenn die Schmerzen dann nicht besser sind, sollen sie nochmal anrufen. Wenn die Schmerzen aber besser sind, sollen sie am nächsten Tag zum Hausarzt.

Die Patientin hat keine Red flags, also frage ich: „Haben Sie was an Schmerzmittel da? Paracetamol, Ibuprofen?“

Herr S: „Ähm…Nein… Nein, wir haben nur den Ibuprofensirup der Kinder.“

Ich stelle noch ein paar Fragen mehr, aber mir wird klar: Die Frau wird herkommen müssen. Bauchschmerzen sind unaungenehm, und sie hat nichts, das sie dagegen nehmen kann. Ich frage also weiter: „Wo sind Sie denn grade?“

(Diese Frage stelle ich, weil wir hier im Berggebiet sind. Manchmal rufen Patienten von Berghütten an oder anderen Orten, wo man nicht einfach so hinkommt, und dann muss ich mir etwas Anderes überlegen.“

Herr S: „In der Bretagne.“

Ich denke, ich hab mich verhört. Hat er das grade gesagt? Hat er grade gesagt, er ruft mich, im winzigen Krautundrübenspital, aus Frankreich an? Weckt er mich tatsächlich mitten in der Nacht, obwohl wohl dutzende bis hunderte andere Spitäler zwischen uns liegen, darunter grössere, Unispitäler? Aber tatsächlich, er wiederholt: Er ist in der Bretagne, ganz im Westen. Ich brauche einen Moment, um mich zu fassen. Was soll ich denn tun? Sie haben absolut nichts bei sich ausser Kindersirup – wie soll ich ihnen denn helfen können?

Ein paar Sekunden Schweigen und Nachdenken später, habe ich mir eine neue Strategie zugelegt. Die Frage ist nicht mehr, was kann ich tun, sondern, ist es nötig, ihnen zu sagen, sie sollen auf einen Notfall in der Nähe gehen? Ich stelle noch ein, zwei Fragen, um dies zu klären – da wird der Anruf unterbrochen. Kein Akku mehr vielleicht, keine Ahnung.

Ich rufe die Pflege zurück, erzähle ihr, was war, und weise sie an, ihn nicht nochmal durchzustellen, sondern ihn anzuweisen, ins Krankenhaus zu gehen.

Fernheilen – eine weitere Fähigkeit, die von mir erwartet wird, und die ich aktuell leider nicht beherrsche.

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2 Kommentare zu „Fernheilung“

  1. Der Kindersaft hätte aber auch herhalten können… Bei Standartdosierung 400mg für Erwachsene:
    20ml bei 2%-Saft (kleine Kinder) -> für Kerle und Barkeeper auch 2cl
    10ml bei 4%-Saft (große Kinder) -> für Kerle und Barkeeper auch 1cl

    Oder um es mit Dr. Percival Cox aus „Scrubs“ dem frischgebackenen Azistenzarzt auf seine unwiderstehlich angeekelt-genertve Art erklärte: Mein Gott, es ist Ibuprofen! Du öffnest der Patienten den Mund und gießt aus 1,50m Höhe die Flasche über dem Patienten aus. Alles, was im Mund drin bleibt ist die richtige Dosis… Zugegeben, in der Serie waren es Tabletten, geworfen werden sollten… Und im englischen Original war es auch nicht Ibuprofen sondern Paracetamol – was mir persönlich betreffend der Hepatotoxizität Bauchschmerzen machen würde… aber die Szene ist immer wieder Klasse… 😉 https://www.youtube.com/watch?v=UlzEJ-GdQfY

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