Incompliance*

„In Koje 1 habe ich eine junge Frau für dich mit Rückenschmerzen seit einer Woche.“

Dieser Satz allein, gesagt von der Notfallpflege, bringt mich fast zum Verlzweifeln. Warum können solche Leute nicht zum Hausarzt gehen? Warum muss ich mich an einem Dienstag Morgen darum kümmern? Wenn ich eins nicht ausstehen kann, dann sind es diese „Kopf- oder Rückenschmerzen seit längerer Zeit“. Normalerweise müssen sich die medizinischen Assistenzärzte um solche Dinge kümmern, aber heute habe ich deren Notfalldinst übernommen, weil ich nicht so viel zu tun habe.

Ich betrete Koje 1 schon leicht angematscht. „Guten Tag, mein Name ist Gramsel, ich bin die Assistenzärztin auf dem Notfall. Was führt Sie zu uns?“

„Ja, es ist so, ich habe Rückenschmerzen seit etwa einer Woche. Und ich war am Freitag bei einem Notfallhausarzt deswegen, und der hat gesagt, wenns nicht besser wird soll ich das nochmal zeigen.“

Ihr Dialekt zeigt mir schon, dass sie nicht von hier ist. „Sie sind hier in den Ferien?“

„Ja, im Sportlager. Übers Wochenende wars mal besser, aber seit gestern tuts wieder weh.“

„Was hat denn der Arzt am Freitag gemacht?“

„Der hat mir Schmerztabletten und so ein Muskelentspannungsmedikament und Teufelskralletabletten gegeben. Am Anfang haben die gut gewirkt, aber jetzt nicht mehr…“

Sie bricht ab. Irgendwas hängt in der Luft, und ich denke, ich weiss, was es ist. „Haben Sie die Tabletten denn regelmässig genommen?“

„Ja also die Ibuprofen schon. Aber von der Teufelskralle habe ich so Pickel bekommen, und darum nehme ich die seit zwei Tagen nicht mehr. Und die anderen… Also, meine Kollegen haben gesagt das sind ziemlich starke Tabletten, und ich nehme ja sonst nie Medikamente, darum bin ich da vorsichtig.“

„Sie haben die also gar nicht genommen?“

„Nein weil meine Kollegen haben ja gesagt die sind voll stark und von denen wird man müde.“

Ich weiss genau, welche Tabletten sie meint. Tizanidin, ein Medikament, das die Muskeln entspannt und deshalb sehr gut gegen Verspannungen hilft, aber ja, das macht wirklich sehr müde. Das Problem hier ist folgendes: Ein Arzt hat ihr diese Tabletten gegeben und sich dabei etwas überlegt. Statt sie zu nehmen, hat sie auf ihre Kollegen gehört. Wenn ich ihr jetzt stärkere Schmerzmedikamente gebe, nimmt sie die dann auch nicht, wenn ihr die Kollegen davon abraten? Ich stelle ihr die Frage direkt so.

„Doch, doch, also normalerweise mache ich ja schon was die Ärzte sagen, ich hab nur hier gedacht, weil…“

Ich untersuche sie noch gründlich und bestimme auf Geheiss meines Hintergrunds noch die Entzündungswerte. Am Ende gebe ich ihr Tramadol gegen die Schmerzen, empfehle ihr, die Tizanidin zu nehmen, aber auf die Nacht, damit die Müdigkeit nicht so ins Gewicht fällt. Und ich empfehle ihr, zuhause ihren Hausarzt aufzusuchen, um vielleicht mal mit Physiotherapie zu starten.

(*https://de.wikipedia.org/wiki/Compliance_%28Medizin%29 )

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4 Kommentare zu „Incompliance*“

    1. Adhärenz und Compliance beschreiben eigentlich zwei verschiedene Dinge – Adherence beschreibt eher zB das dauerhafte Einnehmen einer Medikation gemäss der Verschreibung, also Adhärenz zur Therapie. Mit Compliance war eher gemeint, dem Arzt „zu gehorchen“ sozusagen, aber du hast recht, heute wird eigentlich eher Adhärenz gebraucht.

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      1. Bei uns in der Pflege (ZH) wird eigentlich nur noch Adhärenz gebraucht. Dies weil „Non-Compliance“ negativ behaftet ist und man so die Handlung eines/ einer Pat beurteilt. (Klar, ist dieses Vermeiden oä in unseren Augen sinnlos/ doof, macht jedoch in den Augen des/der Pat Sinn).

        Wie ist das bei euch in BE?

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