Der Zauberlehrling

Kürzlich hatte ich innerhalb von nur 2 Schichten mehrere Patienten, die am Morgen schon beim Hausarzt oder bei uns auf dem Notfall waren, aber am Abend auf den Notfall kommen, weil „es noch nicht besser geworden ist“.

Darunter waren eine junge Frau mit einem Infekt am Bein – sie hatte von der Tagesärztin Antibiotika bekommen. Die erste hat sie genommen, aber als dann 6 Stunden später das Bein immer noch geschwollen und gerötet war, wurde ihre Mutter nervös, hat ihr gesagt, sie solle die zweite Tablette nicht nehmen und sie auf den Notfall geschleppt.

Ebenfalls kam eine Mutter mit einem 8jährigen, welchem seit dem Vorabend die Lippen angeschwollen sind. Der Hausarzt hat ihr gesagt, das komme von einer Allergie, konnte jedoch nicht herausfinden, wovon genau, und hat dem Bub ein Antiallergikum verschrieben. Sie bringt ihr völlig übermüdetes Kind gegen Mitternacht auf den Notfall, nur etwa 12 Stunden nach Therapiebeginn, weil die Lippenschwellung noch gleich ist wie am Vormittag. Neue Symptome sind nicht dazugekommen, und der junge Mann ist zwar müde, aber fühlt sich wohl.

Wenn Patienten wegen sowas auf den Notfall kommen, ärgere ich mich. Ich frage mich, wo denn der gesunde Menschenverstand bleibt, die Geduld, die Einsicht, dass Krankheiten manchmal ein Bisschen andauern. Ich frage dann die Patienten: „Was erwarten Sie von mir?“ Häufig höre ich aus der Antwort Unsicherheit heraus, Angst, und einfach der Wunsch, dass nochmal jemand drauf guckt und sagt, dass es wirklich, wirklich nicht gefährlich ist.

Vielleicht liegt’s am Hausarzt. Vielleicht hat er nicht gut genug erklärt, war nicht ermutigend oder vertrauenserweckend oder sicher genug. Vielleicht liegt’s am Patienten, er hat dem Arzt nicht richtig zugehört, zuviel gegoogelt oder ihm wurde irgendeine Geschichte von der Cousine von der Mitturnerin der Grosstante erzählt, die ihn verunsichert hat. Vielleicht liegt’s an der Gesellschaft, die von einem erwartet, immer leistungsfähig und gesund zu sein, und wenn, dann überhaupt sowieso nur ganz kurz auf der Arbeit zu fehlen, und natürlich nur aus ganz, ganz wichtigen Gründen. Ein Unfall, wennschon, aber ganz sicher nicht sowas Banales wie ein Infekt oder – bewahre – gar eine psychische Angelegenheit.

Der Frau mit dem Infekt habe ich übrigens angeboten, sie auf die Station aufzunehmen und die Antibiose über die Vene weiterzugeben – das war ihr dann doch zuviel. Sie war einverstanden, die Antibiotika weiter zu nehmen und erstmal abzuwarten – zwei Tage später hatte sie sowieso einen Termin zur Wundkontrolle bei uns. Und der Bub mit der Allergie hat zusätzlich zum Antiallergikum noch Kortisontabletten für drei Tage von mir erhalten, mit der deutlichen Information an die Mutter, dass es noch ein paar Tage dauern kann, bis die Lippen wieder Normalgrösse haben.

Zaubern kann ich nämlich leider (noch?) nicht.

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