Migrolino-Medizin

Jeder, der mal auf einem Notfall gearbeitet hat, kennt das Problem: Patienten, die vorbeikommen, einfach, weil sie gerade Zeit haben und der Notfall am Weg liegt. Mein Chef benutzt dafür den Ausdruck „Migrolino-Medizin“.

Migrolino ist ein Tankstellenshop. Tankstellenshops haben viel längere Öffnugszeiten als normale Läden, sie sind auch nachts und am Wochenende geöffnet. Und wer kennt das nicht, man braucht eigentlich nichts, aber man kommt am geöffneten Laden vorbei und denkt sich, „Hey, wenn ich schon mal hier bin und der offen hat, dann könnte ich ja noch [etwas, das auch noch bis am nächsten Tag hätte warten können] kaufen.

Diese Einstellung sehen wir zunehmend auch auf dem Notfall. In der heutigen Zeit, in der man alles sofort haben will, möchten manche Leute nicht mehr zwei Tage auf einen Termin warten, den sie dann möglicherweise noch zu Arbeitszeit wahrnehmen müssen. Warum zum Hausarzt gehen, bei dem man ja vielleicht noch eine halbe Stunde oder länger warten muss? Wie unpraktisch. Der Notfall hingegen, der hat immer offen. Da ist immer jemand. Also kann ich ja auch hingehen, wenns mir gerade passt.

Ein gutes Beispiel dafür: Kürzlich hat am Morgen, 5:30Uhr, eine Dame ins Krankenhaus angerufen und einen Arzt verlangt. Da nachts der Empfang nicht besetzt ist, kommen solche Telefone direkt zur Pflege, und da die Pflege nachts auch nicht besonders gut besetzt ist und meist genug zu tun hat, leiten sie diese Telefone dann an mich weiter. Das Telefon hat mich aus dem Tiefschlaf gerissen.

„Guten Morgen, hier ist Zwingli. Ich habe meinem Mann gerade eine Zecke entfernt, und ich möchte ihn gerne bei Ihnen vorbeischicken, nur zur Kontrolle, ob alles draussen ist. Der Hausarzt ist grade nicht erreichbar und er möchte gern vor der Arbeit noch kurz kommen.“

Ach nein, der Hausarzt ist nicht erreichbar? Der nimmt sein Praxistelefon Morgens um halb Sechs nicht ab? Tss. Das ist ja fast, als hätte er ein Recht auf Privatleben und Schlaf!

Normalerweise, tagsüber und in wachem Zustand, hätte ich das klar abgelehnt. Das ist kein Notfall, das hat bei uns nichts verloren. Ich hätte an ihre Vernunft appelliert, ihr vorgehalten, wieviel eine Notfallkonsultation kostet und ihr auch gesagt, dass sie bei uns mit langen Wartezeiten rechnen muss, denn so ziemlich alles, was ins Spital gelaufen kommt, hat mehr Priorität als ein Zeckenbiss. Ich war aber noch im Halbschlaf, hatte keine Patienten auf dem Notfall und ich hatte keine Lust, zu diskutieren. Und so klingelte eine halbe Stunde später tatsächlich der Herr Zwingli am Notfalleingang. Er musste einen Anmeldungsbogen ausfüllen, ich habe einen Fall eröffnet – allein das geht schon 15 Minuten -, ich habe ein paar Fragen gestellt, er hat sein Tshirt ausgezogen und ich hab mir den Zeckenbiss am Rücken angeguckt. Ich konnte nicht feststellen, dass noch was drin ist, er hat das Tshirt wieder angezogen und ist gegangen. Das ging dann nochmal 10-15 Minuten. Die Notfallpauschale ist ca 100 Franken, wenn ich mich recht entsinne, und dann kommt noch die Zeit der Konsultation dazu.

Ich plädiere für ein bisschen mehr gesunden Menschenverstand. Für Geduld und Akzeptanz, dass ein Arzt einfach nicht auf ein Fingerschnippen hin verfügbar sein kann. Und ich plädiere für die Einsicht, dass ein Notfall für Notfälle da ist, und nicht, um Hausarztaufgaben zu übernehmen, nur weil der Hausarzt gerade schläft oder zuhause mit seiner Familie zu Abend isst.

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