Alltag im Spital: Nachtschicht

Nächte.

Eigentlich arbeite ich gern abends und in der Nacht. gerade im Spital herrscht dann eine besondere Stimmung, es ist ruhiger, die Patienten schlafen (im besten Fall), nur wenige Leute arbeiten.

Nachts ist man aber sehr viel mehr allein als tagsüber. Tagsüber gibts immer einen Kollegen, den man kurz etwas fragen kann, erfahrene Kaderärzte sind nicht weit weg, falls man mal wirklich tief in der… Breduille steckt. Nicht zuletzt hat tagsüber die Cafeteria offen und es gibt leckeren, frischen Kaffee. Nachts gibts nur mich, eine Pflegekraft pro Station und eine Pflegehilfe oder FaGe (Fachangestellte Gesundheit, eine Art Vorstufe der Krankenschwester) als Springer. Kein Essen. Kein frischer Kaffee. Und viel, viel mehr Entscheidungen.

Die Laboranten und die Röntgenassistenten sind auf Abruf. Brauche ich wirklich dringend ein Röntgen? Und ein Labor? Kann das warten bis um 7 Uhr? Behalte ich den Patienten hier oder kann ich ihn so nach Hause schicken? Ich sehe nichts auf dem Röntgenbild – aber heisst das wirklich, da ist nichts? Was, wenn ich etwas übersehe? Was, wenn meine Diagnose falsch ist? Lohnt es sich, dafür den Hintergrund zu wecken? Kann ich das allein oder nicht?

Ein paar „Schlupflöcher“ hab ich: Gemäss Tarmed gilt eine Aufnahme nach 24Uhr als ambulant, auch wenn sie ein Bett auf der Station bezieht. Ich kann also einen Patienten, der nach Mitternacht kommt, für den Rest der Nacht „einlagern“, damit sich dann tagsüber die Kollegen kümmern können, und trotzdem eine ambulante Konsultation verrechnen. Macht häufig sowieso mehr Sinn, da nachts die meisten diagnostischen Mittel nicht oder nur auf Spezialanfrage verfügbar sind – die Nacht ist hier nicht dazu da, Probleme definitiv zu lösen, sondern eher, um sie zu lindern und aufzuschieben. Ich gebe Schmerzmittel, Blutdrucksenker oder Flüssigkeit, und der Rest wird dann am nächsten Tag abgeklärt.

Patienten, die vor Mitternacht kommen, oder denen es gut genug geht, um nach Hause zu gehen, kann ich am nächsten Tag nochmal zur Kontrolle einbestellen. Und nicht zuletzt kann ich alles, was kommt, auch einfach zur Kontrolle zum Hausarzt schicken.

Häufig sind nachts auch Telefonkonsultationen. Patienten, die erst nachfragen, ob sie noch irgendwas machen können, bevor sie zu uns kommen. Erstaunlich oft lässt sich so ein Notfallbesuch vermeiden, meist mit einem einfachen „nehmen Sie doch erst mal ein Paracetamol und machen Sie sich eine Wärmflasche, warten sie eine Stunde, und wenn’s dann nicht besser wird, rufen Sie nochmal an oder kommen vorbei“.

Ein Nachtdienst geht gut 12 Stunden, von acht bis acht Uhr, 7 davon am Stück. Wenn ich nichts zu tun habe, kann ich ins Pikettzimmer schlafen gehen, und die Pflege ruft mich an bei Problemen, oder leitet mir Telefone von extern weiter. Die Pflege kommt etwa um 22Uhr auf die Nacht, dann gibt’s eine Übergabe von der Spätschicht und gegen 23Uhr die erste Runde. Dann treten häufig noch Fragen auf, weshalb ich gerne noch um 23.30 Uhr auf den Stationen vorbeigehe, um nachzufragen, ob noch etwas ist, und natürlich, um ein bisschen zu schwatzen.

Die Nacht hängt im Wesentlichen von der Qualität und dem guten Willen der Pflege ab. Man kann das mit einer Geiselsitation vergleichen: Kennt ihr aus Krimis diese Theorie, dass man mit Entführern reden und ihnen den Namen und persönliche Dinge erzählen soll, damit sie einen als Person statt als Objekt betrachten und einem dann vielleicht nichts antun? Ähnlich verhält es sich mit der Pflege. Wenn sie mich mögen, dann gönnen sie mir vielleicht eher den Schlaf und lösen Probleme selbst. (Ja, das habe ich ein bisschen mit einem Augenzwinkern formuliert)

Wir machen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Nachtdiensten. Meine sind meist sehr ruhig. Manchmal backe ich Bestechungsmuffins für die Pflege, um mir ihre Gunst zu sichern, und das scheint zu funktionieren. In der Regel wecken sie mich nur, wenn von extern ein Anruf kommt, oder wenn ein Patient wirklich nicht mehr führbar ist. Und Notfälle nachts habe ich meist auch kaum. Andere haben nicht so viel Glück. Und schliesslich kommt es auch aufs Wetter, Jahreszeit/Saison und Events in der Umgebung an.

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