Noch einmal durchatmen, bitte

Der Schreck mit dem bewusstlosen, nicht atmenden Joshua sitzt uns noch in den Knochen, aber die Arbeit geht weiter. Nur eine Stunde später ruft Hilde mich an.

„Da ist ein 50jähriger Mann, der sagt, er habe eine Lungenembolie.“

„Woher will der das denn wissen?“, frage ich.

„Er hat schon mal eine gehabt.“

Das ist das kleine Alarmglöckchen. Ich gehe zum Patienten, der ruhig im Bett liegt, aber ziemlich schnell atmet und einen hohen Puls hat. „Was ist denn passiert?“

„Ja, also, vor vier Tagen hatte ich diesen Schmerz im rechten Bein, und ich hatte da ja schonmal eine Thrombose, und ich glaube, das war wieder eine. Das hat mir die ganze Woche beim Arbeiten weh getan. Und heute konnte ich dann kaum mehr arbeiten, ich war so schlapp, und bei der kleinsten Anstrengung komme ich gleich ausser Atem.“

Das klingt nicht gut. Ich ordne ein Labor und ein EKG an und lasse ihn am Monitor. Das EKG sieht nicht schlecht aus, zeigt aber schon, dass die rechte Herzkammer überarbeitet ist. Als mich die Laborantin anruft und sagt, die D-Dimere (Blutwert, der ein Hinweis auf Lungenembolien sein kann) seien ganz schön hoch, ordne ich nach kurzer Rücksprache mit dem Chef ein CT an.

Die Regel hier ist, bei einem Kontrastmittel-CT muss während der Aufnahme ein Arzt dabei sein. Ich stehe also hinter der MTRA (medizinisch-technische Radiologieassistentin), während sie das CT fährt. Dabei kann ich jeweils die Bilder kurz sehen, während der Computer sie verarbeitet, aber er scrollt schnell durch, meist geht es mir zu schnell für einen Befund.

Diesmal nicht. Diese verstopften Gefässe sehe sogar ich. Der Radiologe gibt mir kurz Bescheid, aber eigentlich weiss ich es schon: in den grossen Gefässen, die in die Lunge gehen, sind riesige, fiese Gerinnsel. Auf beiden Seiten. Eigentlich ist es ein Wunder, dass der Patient noch wach ist und einen anständigen Blutdruck hat – es ist todernst hier. Lebensgefährlich.

Die Kardiologin macht einen Ultraschall vom Herz. Die rechte Kammer ist zu gross und pumpt nicht mehr so gut.

Ich rufe im Zentrumspital an und informiere den diensthabenden Herz- und Gefässchirurgen, dass wir den Patienten schicken. Er sieht sich die Bilder an und pfeift anerkennend. „Mmmhm, der Thrombus reitet auf der Bifurkation… Hui, die sind ja zentral, parazentral und peripher! Nicht schlecht. Und der ist stabil? Echt? Schickt den so schnell wie möglich.“ (Zentrumsärzte können ganz schön kluge Dinge sagen.)

Ich bestelle einen Krankenwagen. Zusammen mit dem medizinischen Hintergrundarzt kläre ich den Patienten auf. Er weiss ja eigentlich schon, was er hat, aber wie ernst es ist, das konnte er nicht ahnen. Er bekommt ein blutverdünnendes Medikament. Ich schreibe einen Bericht und drucke aus, was ich an Laborresultaten und Bildgebungsberichten habe. Das darf der Rettungsdienst dann mitnehmen. Zusammen mit dem armen Patienten, der jetzt wohl langsam merkt, dass es hier ans eingemachte geht.

Soviel zu „im Krautundrübenspital hast du nie was Spannendes“.

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