Einmal durchatmen, bitte

„Du hast ja nie was Ernstes“, hat man mir gesagt. „Du arbeitest in einem so kleinen Spital, ihr habt ja eh nur langweiliges Zeug dort.“

Ein Arbeitskollege hat es mal so gesagt: Im Krautundrübenspital muss man ernste Dinge nicht behandeln, sondern erkennen und richtig reagieren können.

Der Heli und der Rettungsdienst, die wissen, was wir behandeln können, und was nicht. Sie entscheiden draussen selbst, ob sie uns anfahren, oder doch lieber gleich ins Tal in ein grosses Spital oder sogar in ein Universitätsspital fahren. Die Einheimischen, die normale Bevölkerung, macht da keinen Unterschied. Entsprechend ist es so, dass die schlimmen Dinge nicht mit Heli oder Blaulicht kommen, sondern im PKW oder zu Fuss.

Ich sitze im Notfall und schreibe Berichte. Ich hatte einen sehr anstrengenden Morgen, wir sind unterbesetzt und ich hüte das chirurgische und das medizinische Telefon. Ich schaue mir Notfälle an, löse überall im und ausser Haus Probleme, eigentlich bin ich Mädchen für alles.

Draussen hupt es mehrmals. „Eine Hochzeit!“, freut sich Hilda, die Notfallpflege. „Tss, hier hat’s kranke Menschen, was soll der Lärm.“, grummele ich. Eine halbe Minute später bin ich hellwach.

In Koje 3 steht ein Mann mit einem kleinen Kind auf dem Arm, das sich nicht bewegt. Neben ihm steht Senna, eine Pflege von der Station oben. Die Stimmung ist hektisch, panisch, aufgeregt. Der Mann legt den Bub auf die Bahre, er liegt da seitlich. Ich eile dazu und drehe das Kind auf den Rücken. Es ist blau im Gesicht. Es bewegt sich nicht mehr.

Ich kann nicht mehr ganz genau sagen, wie die nächsten Minuten abgelaufen sind. Ich habe Hilde Anweisungen gegeben, wen sie alles rufen muss. Ich habe einen Puls getastet. Der Anästhesiepfleger war nach kürzester Zeit da und hat das Kind abgesaugt und mit dem Beutel beatmet. Ich habe mit dem Vater gesprochen, die wichtigsten Fragen gestellt. Der Bub hat wieder angefangen, zu atmen.

Joshua, der in wenigen Wochen zwei Jahre alt wird, hat im Garten Melonenstücke gegessen. Dabei ist er aufgestanden, rückwärts vom Gartenstuhl gekippt und mit dem Kopf auf der harten Steinplatte gelandet, dabei hat er sich auch noch gleich an der Melone verschluckt. Die Mutter habe sich noch über den Tisch gestreckt, um ihn aufzufangen, hat ihn aber nicht mehr erwischt. Joshua hat kurz geschrien und blieb bewusstlos liegen. Als der Vater kurz darauf dazu kam, hat er bemerkt, dass sein Bub nicht mehr atmet. Er hat ihn gepackt, an den Füssen in die Luft gehalten und auf den Rücken geklopft. Mama hat dem Kleinen in den Mund gefasst, konnte aber auch nichts finden. Deshalb hat Papa die Familie kurzerhand ins Auto geladen und ist direkt zu uns gefahren.

Mama hat Joshuas grosse Schwester Angeline auf dem Arm, beide weinen. Mama, weil sie Angst um ihr Kind hat, Angeline, weil sie von der ganzen Situation überfordert ist. Ich gebe Angeline eine Spritze (natürlich leer und ohne Nadel), von der Pflege bekommt sie ein Plüschtier. Ich hole die Mutter an die Bahre, sie soll ihr Kind anfassen und mit ihm reden. Darunter beruhigt sie sich, allerdings ist nun Angeline allein in einer Ecke. Papa macht einen sehr gefassten Eindruck. Er nimmt Angeline zu sich und spielt mit ihr.

Joshua schreit. Er hat eine gute Sättigung und einen normalen Puls. Den Zugang in seinem Ellenbogen findet er alles andere als toll, aber wir sind einfach nur froh, dass er wach und laut ist. 15 Minuten später kommt der Heli und fliegt ihn und seine Mama ins Kinderspital.

Nun kann auch ich wieder durchatmen. Ich schreibe den Bericht und gehe zum nächsten Patienten.

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3 Kommentare zu „Einmal durchatmen, bitte“

  1. *** Dank an die Lebensretter ***

    Oh – da haben der kleine Joshua, seine Familie und die Fachfrauen im Spital aber grosses Glück gehabt !
    Denn – wie lange kann das Gehirn ohne Sauerstoffversorgung überleben, ohne bleibende Schäden davonzutragen ?
    Darf man bei einem so kleinen Kind den „Rückengriff mit dem ruckartigen Anheben“ – es gibt dafür sicher einen Fachausdruck – schon anwenden, um einen verschluckten Gegenstand herauszubefördern ?
    Was könnte man vor Ort als Nothelfer noch weiter tun, wenn das Spital nicht in so kurzer Zeit erreichbar wäre ?
    Danke für einen fachkundigen Tipp.
    Herzliche Grüsse,
    13.4.2016 22:33 HF-Weltweit

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    1. Leider ginge ein Online-Crashkurs hier etwas zu weit 🙂 für genaue Informationen empfehle ich dir einen Erste-Hilfe-Kurs, die gibts (zumindest in der Schweiz bei den Samaritern) auch speziell auf Nothilfe bei Kindern zugeschnitten. Grob gesagt: der Griff, den du beschreibst, heisst Heimlich-Manöver und ist sicher eine Möglichkeit. Wenn alles nichts bringt, beginnt man mit Beatmen und schliesslich mit dem Drücken auf den Brustkorb, ähnlich einer Wiederbelebung.

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      1. Danke für den guten Tipp. In den neuen Kursen werden sicher bessere Kenntnisse und Methoden vermittelt.
        Denn in dem bei mir fast um Jahrzehnte zurückliegenden Nothelferkurs, den man zur Erlangung des Führerausweises braucht, haben sie uns das Heimlich-Manöver noch nicht beigebracht.
        Auch im späteren CPR-Kurs nicht, aber dort gings ja nicht um verschluckte Gegenstände .

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