Drakonische Strafen

Der 10jährige Frederik hat auf dem Spielplatz geturnt. Um seine kleine Schwester zu beeindrucken, ist er sogar bis auf das Häuschen geklettert, von welchem die Rutschbahn runter geht, und ist auf der Schaukel so hoch geschaukelt, wie er nur kann, nur leider ist er dabei runter gefallen, direkt auf die Schulter. Die tut ihm jetzt weh, er kann den Arm kaum mehr bewegen. Sein Papa bringt ihn auf den Notfall und macht ein ernstes Gesicht, während mir sein Sohnemann erzählt, was passiert ist. „Er hat halt übertrieben“, knurrt er zwischendurch. „Selber schuld.“

Ich untersuche Frederik. Noch ist nicht klar, wo das Problem ist. Ich vermute das Schlüsselbein, aber da kann ich ziemlich fest draufdrücken, ohne dass es dem Bub weh tut. Ein Röntgen muss her. Vorher frage ich Frederik: „Wie geht’s denn mit deinen Schmerzen? Brauchst du ein Schmerzmittel oder hältst du’s noch aus?“

„Tut schon ziemlich weh…“, murmelt Frederik. Der Papa schüttelt den Kopf. „Nee, der braucht nix. Das hat der sich selber eingebrockt, jetzt muss er halt damit leben.“

Ich bin, gelinde gesagt, erstaunt. Gut, ich habe schon sehr oft von Eltern den Vorwurf bekommen, wenn man selber keine Kinder hat, könne man solche Dinge nicht nachvollziehen. Tatsächlich habe ich mal die Ausbildung zur Kursleiterin für Erste Hilfe bei Kleinkindern gemacht (so ein Kurs für Göttis und Gottis, Grosseltern, Eltern und Babysitter) , und eine andere, ältere Teilnehmerin hat mir dort klar gesagt, sie halte nichts davon, dass ich diesen Kurs unterrichte – ich hätte ja keine Kinder, also hätte ich auch keine Ahnung.

Allerdings habe ich die Einstellung, dass niemand Schmerzen leiden müssen sollte. Sowas ist unnötig, vor allem hier, wo man wirklich alles zur Verfügung hat, was man so braucht. Und Schmerzen als Strafe für wildes Spielen? Kinder sollen doch toben dürfen, und dass dabei mal was schief geht, ist doch normal.

Aber eben, vielleicht liegt’s an mir. Mich ärgert dann nur, dass ich da keinerlei Möglichkeiten habe. Die Eltern bestimmen über ihr Kind, darüber, welche Medikamente es erhält oder eben nicht. Ich kann nur Empfehlungen abgeben.

Frederik hat sich übrigens das linke Schlüsselbein gebrochen, musste aber nicht operiert werden und durfte mit einer Armschlinge wieder nach Hause.

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6 Kommentare zu „Drakonische Strafen“

  1. Also doch das Schlüsselbein, owohl es erst nicht weh getan hat, beim drauf drücken. Kann das sein?
    Der Junge tut mir leid, dass er nun diese Schmerzen aushalten muss. Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter. Ich habe eine inzwischen erwachsene Tochter und habe das so nicht gehandhabt.

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    1. Jap, ich war auch überrascht, dass es doch das Schlüsselbein war. Es war allerdings ein sehr stabiler Bruch, von Bändern gut in der normalen Stellung gehalten, deshalb hats ihm wohl beim Draufdrücken nicht weh getan.

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  2. Das arme Kind. Hätte es evtl. was gebracht, Schmerzmittel zu verschreiben „die sind auch entzündungshemmend, das ist wichtig“?
    Mir ist es mal umgekehrt gegangen, ich bekam Ponstan mit nach der Entfernung eines Lipoms und habe sie nicht genommen, weil ich keine Schmerzen hatte. Beim Fäden ziehen wurde mir dann gesagt, ich hätte sie als Entzündungsprophylaxe nehmen sollen. Tja, wenn man mir das nicht vorher sagt…

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  3. Vielleicht hat es ihm weh getan und er wollte das nicht zugeben, weil der ein-Indianer-kennt-keinen-Schmerz-Papa daneben stand… *überleg*

    Also, ich habe keine Kinder und bin auch selten von welchen umgeben. Aber ich lese und höre und diskutiere viel, und je länger das so geht, desto stärker bildet sich in mir die Überzeugung, dass es etwas vom WIchtigsten, ja Grundsätzlichsten ist für die Entwicklung von Kindern, dass man sie spiegelt. Nur so kann sich eine Persönlichkeit entwickeln. Also: Dem Kind zuhören, das Gehörte wiederholen, es nach seinem Befinden und seinen Ansichten fragen, ihm diese als „für es angemessen“ bestätigen. Und dann auch: Mit ihm darüber reden, ihm helfen, Gedanken und Gefühle zu verstehen. Von den eigenen Gefühlen und Gedanken erzählen, gerade auch, wenn diese ganz anders geartet sind. Und dem Kind erklären, dass da nichts gewertet werden will, weil jeder sein eigenes, gleichwertiges Empfinden und Erleben hat. Und dann kann man auch gemeinsam nach Wegen suchen, wie damit umgegangen werden kann.

    Kurz gesagt: Armer Junge. Er hat ein Recht darauf, so zu fühlen, wie er eben fühlt. Er hat ein Recht darauf, die bestmögliche Versorgung zu erhalten, so dass er sich bald wieder wohl fühlen kann. Er hat ein Recht darauf, dass ihn seine Eltern mit allem, was eine Situation gerade mitbringt, annehmen und unterstützen. Natürlich ist er selber schuld. Nur, was hat die Schuldfrage mit medizinischer Versorgung zu tun ? Der Vater kann ihm ja meinetwegen das abendliche Dessert (nicht aber das Abendbrot) verweigern, zur Strafe. Wobei eben, ich sehe nicht, was es am natürlichen Verhalten des Jungen zu bestrafen gäbe… Haben wir doch alle gemacht, das Rumturnen und Entdecken und Spielen… Kindsein halt.

    Ich hoffe, das war jetzt nicht all zu verwirrend :/ Find ich auf alle Fälle nicht toll, des Vaters Verhalten. An mögliche Langzeitkonsequenzen für den Jungen will ich gar nicht erst denken.

    Übrigens: Ich mag Deine Berichte, die sind immer spannend. Umso mehr, weil sie gleich ums Eck stattfinden. Naja, fast. Zumindest im gleichen Land 🙂 Sei lieb gegrüsst. Nadine

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