Solofliegen Teil 1

Beim Chirurgen habe ich schon öfters selbst kleinere Operationen durchführen dürfen, natürlich nur unter Aufsicht und Assistenz des Chefs. Zum Beispiel das Ausschneiden von Haut- oder Unterhauttumoren, kleine, unkomplizierte Dinge halt.

Beim Orthopäden ist das ein bisschen anders – Prothesen und die Versorgung von Knochenbrüchen gehören in erfahrene Hände. Darum können wir beim Orthopäden auch nicht viel selbst machen – ausser…

Die Patientin hat sich vor gut einem Jahr den linken Knöchel gebrochen, nun soll ihr Metall entfernt werden. Ich habe mich für die Operation eingeschrieben, weil ich bisher noch keine Metallentfernung gesehen habe, und falls ich mal eine machen dürfte, sollte ich zumindest schon mal bei einer dabeigewesen sein. Der Orthopäde sitzt auf der einen Seite des Fusses, ich stehe auf der anderen, damit ich etwas sehen kann. Er macht den Hautschnitt, entfernt Drähte und Schrauben auf der Knöchelinnenseite und näht zu. Nun kommt die Aussenseite: Eine Platte mit vier Schrauben. Dazu steht er auf. Ich mache mich bereit, die Seite zu wechseln, doch er steht nur da und hält das Bein nach innen gedreht.

Will der, dass ich das mache?, frage ich mich. Wenn ich jetzt nach dem Skalpell greife, ohne dass ich sollte, ist das ein grässlicher Fauxpas. Wenn ich aber sollte, und zulange warte, überlegt er es sich vielleicht anders. Oder er meint, ich will nicht. Oder… „HÜ“, brummt der Orthopäde. Okay. Jetzt nicht nervös werden. Du kannst das.

Ich nehme das Skalpell und schneide entlang der alten Narbe. Ich gebe zuwenig Druck, es ist schwer einzuschätzen. Ich muss nochmal ansetzen, um die fasrigen Narbenstränge zu durchtrennen.

„Neues Skalpell. Man schneidet nicht mit dem Hautmesser in die Tiefe.“, brummt der Orthopäde. Ich erhalte ein neues Messer mit einer identischen Klinge und schneide weiterm in vorsichtigen, kleinen Schnitten, damit ja nichts kaputtgeht, was nicht sollte.

„Wir sind hier nicht in der Psychiatrie. Das sind keine Probierschnitte hier. Schneiden Sie richtig.“, knurrt der Orthopäde. Woher soll ich denn wissen, wie fest ich drücken darf? Was, wenn ich etwas kaputtmache? Wenn ich nicht genau weiss, wo ich entlangschneiden muss? Zack, habe ich zwei Millimeter zu lang geschnitten. „Dort nicht.“, schnauzt der Orthopäde. Ich bin innerlich wie erstarrt. Ich fürchte, dass er mir jederzeit das Messer wegnimmt. Dass er sagt, das reicht, und mich dann nie wieder etwas machen lässt. Dass ich irgendwas wirklich, wirklich falsch mache, irgendein Blutgefäss durchdtrenne oder so. Hör auf, sage ich mir. Da sind gar keine grossen Gefässe. Reiss dich zusammen.

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4 Kommentare zu „Solofliegen Teil 1“

  1. Hallo, also ich bin selbst medizin Studentin und stille mitleserin seit es dieses blog gibt und wollte nur sagen, mach weiter so! Deine art zu berichten ist großartig! Ruhig mehr davon! Und noch viel Glück und Durchhaltevermögen für deine weitere laufbahn 🙂

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  2. ’ne MFA hier – wenn ich mir überlege, wie nervös ich vor der ersten i.m.-Spritze war, die ich geben sollte.. uff. Ich wusste ungefähr, wohin, aber wenn man das erste mal durch die Haut soll – wie fest, wie tief, und wenn ich was kaputt mache!?
    Und sowas dann mit Skalpell, ich erahne die Unsicherheit.

    Ich hoffe, dein Orthopäde war knurrig, aber an sich nett und hat dich weitermachen lassen! Nur wer machen darf kann’s lernen.

    Gefällt 1 Person

    1. Der Orthopäde ist sehr grummelig, aber auch ein ganz Lieber. Er lässt uns nichts machen, was er uns nicht zutraut, und wenn er nachts Hintergrunddienst hat und wir ihn anrufen, ist er immer nett und hilfsbereit. Harte Schale, weicher Kern 😉

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