Jung, wild und depressiv

Abends, 20.30 Uhr, auf dem Notfall. Eine aufgeregte Mutter bringt ihren 19jährigen Sohn zu uns. Sie hat ihn in der Garage neben seinem Motorrad liegend gefunden, daneben eine leere Flasche Vodka und ein Blister Schmerztabletten. Als sie ihn angesprochen hat, hat er angefangen zu schreien und weinen. Sie hat ihn gleich ins Auto gepackt und zu uns gebracht, unterwegs hat sie noch eine Freundin alarmiert, die gleichzeitig mit ihr eintrifft. Die Freundin ist Pflegefachfrau in einem anderen Spital. Beide berichten, dass sich der Patient schon seit Wochen, wenn nicht Monaten, immer mehr zurückzieht, einen traurigen, lustlosen Eindruck macht, kaum mehr Freundschaften pflegt, nicht mehr richtig isst und schläft. Wir nehmen den Patienten in eine Koje, die Freundin nimmt die Mutter mit nach draussen und tröstet die Frau, die nun, da jemand Anderes nach ihrem Sohn schaut und sie endlich kurz durchatmen kann, weinend zusammenbricht.

Bei uns schlägt Silas, ein kräftiger junger Mann, wild um sich, schreit, lässt sich kaum beruhigen. Er hat keine äusserlichen Verletzungen. Wir geben ihm ein Beruhigungsmittel, worauf er etwas ruhiger wird und nur noch leise wimmert, auf Ansprache jedoch nicht reagiert. Ich habe gleich bei der Ankunft der beiden den Chef der Medizin angerufen und dazugeholt – das übersteigt meiner Mienung nach meine Fähigkeiten deutlich. Er beugt sich über Silas, legt ihm eine Hand auf die Schulter, beginnt, leise in beruhigendem Ton mit ihm zu sprechen. Er hört sein Herz und seine Lunge kurz ab, schaut ihm in die Augen, untersucht den Kopf. Schliesslich schaut er zu mir rüber. „Verleg ihn ins [nächstgrössere Spital] zur Überwachung und psychiatrischen Abklärung.“ Ich nicke und mache ein paar Telefonate.

Jetzt ist es Zeit, um mit den Angehörigen zu sprechen.

Die Mutter sitzt draussen im Wartezimmer und weint in die Schulter ihrer Freundin. Ich setze mich zu ihr und erkläre ihr, dass Silas nicht auf uns reagiert und wir nicht wissen, was genau das Problem ist. Wir verlegen ihn also in ein grösseres Spital, auf eine Intensivstation, und dahin, wo auch ein Psychiater ist, der ihn sich mal anschauen kann.

„Nein.“, sagt die Mutter und schüttelt den Kopf.

Ich bin völlig perplex. Einen Augenblick lang weiss ich nicht, was ich sagen soll.

„Silas braucht intensive Überwachung. Wir können das hier nicht bieten.“, versuche ich.

„Nein. Will ich nicht. Das ist mein Sohn.“

„Er braucht Hilfe. Darum haben Sie ihn doch hierher gebracht.“

„Ja, und ich will, dass er hier bleibt. Er geht nicht weg.“

Jetzt mischt sich aber die Freundin ein.

„Du hast da gar nichts zu bestimmen, dein Bub ist volljährig.“, sagt sie in bestimmtem, endgültigem Ton.

„Ich nehm ihn nach Hause. Gleich jetzt.“. Die Mutter starrt auf den Boden und schüttelt reflexartig den Kopf.

„Du weisst genau, dass das eine blöde Idee ist.“, sagt die Freundin.

Ich bin sprachlos. Ich will aufstehen und den Chef holen, damit er sie überzeugt. Ältere, erfahrene Ärzte haben’s immer einfacher, die werden eher ernst genommen als ich kleiner, junger Grünschnabel. Aber die resolute Art der Freundin gibt mir den Mut, es weiter zu versuchen. Ich widerstehe dem Verlangen, jemand anderen das Problem lösen zu lassen.

„Ihr Sohn braucht Behandlung. Darum haben Sie ihn hergebracht. Er hat eine gute Behandlung verdient, denken Sie nicht?“ Ich rede beruhigend auf sie ein und wiederhole diese Aussage noch in etwa 5 anderen Formulierungen: Der Sohn muss überwacht und abgeklärt werden, und hier geht das nicht. Wir sind das Krautundrübenspital, wir haben weder die Mittel noch das Personal dazu. Schliesslich hört sie auf, den Kopf zu schütteln, und sitzt still da, ein kleines Häufchen Elend. „Ich verstehe, dass dies eine schwierige Situation ist.“ Es klingt wie eine dumme Floskel, und ich schäme mich, solche Klischeeformulierungen zu verwenden, aber ich weiss nicht, was ich sonst sagen soll. Wir schweigen alle einen Moment lang. Dann frage ich: „Wollen Sie nochmal zu Ihrem Sohn?“

Sie nimmt das Angebot dankend an, wir gehen ins Zimmer. Silas liegt ruhig, der Chef ist immer noch an seiner Seite. Die Mutter steht still daneben.

Schliesslich kommt der Rettungsdienst und holt Silas ab, die Mutter fährt gleich im RTW mit. Ich erledige den Schreibkram. Dann darf ich nach Hause.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich endlich einschlafen kann.

 

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2 Kommentare zu „Jung, wild und depressiv“

  1. Oh weh.
    Hoffen wir mal für ihn, dass es tatsächlich die Depression ist. Oder vielleicht gar nur die Rest-Pubertät.
    Aber trotzdem ist so ein Ereignis immer schlimm, vor allem ,weil die P-Erkrankungen ja immer noch unter reichlich Stigma leiden. Da ist man dann schnell bei den Selbstvorwürfen.

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    1. Leider habe ich später erfahren, dass er im anderen Spital am Folgetag entlassen wurde – der Psychiater hat keine Suizidalität festgestellt. Ihm wurde angeboten, zu einem ambulanten Psychiater zu gehen bei uns in der Nähe, aber er wollte nicht…

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