Andere Ansichten II

Ein, zwei Tage später hat sich die Meinung von Frau Stills Töchtern gefestigt: Sie sind überzeugt, dass ihre Mutter jeden Moment sterben könnte – und dass man dies nicht aufhalten sollte.

„Palliative care“ beschreibt das, was man noch macht, wenn der Tod nicht mehr aufzuhalten ist. Meist heisst das, man gibt dem Patienten ziemlich viel Morphin, so dass er keine Schmerzen mehr hat und so friedlich wie möglich einschlafen kann. Man verzichtet auf lebensverlängernde Massnahmen, wie Wiederbelebung, aber auch Dinge wie Antibiotikagabe bei Infekten. Das Ziel ist, dass der Patient nicht leiden muss. Das wünschen sich nun die Töchter – nur haben sie eine ziemlich, naja, merkwürdige Vorstellung davon, wie das ablaufen sollte.

Zum Beispiel beklagen sie sich bei der Pflege, dass Frau Still noch zu Essen bekommt. Das zögere doch nur den Tod hinaus, und man wolle doch nichts mehr machen. Das macht mich böse, weil es bedeutet, dass sie ihre Mutter verhungern lassen wollen. Verhungern! Ausserdem, warum sollte sie nicht essen, solange sie kann? Es ist ja nicht so, als hätte sie eine Magensonde, oder bekäme etwas in die Venen, nein, sie bekommt Birchermüsli gefüttert und mampft das sichtlich vergnügt.

So richtig grantig werde ich allerdings, als die eine Tochter findet: „Könnten Sie ihr nicht einfach soviel Morphin geben, dass sie daran stirbt? Das wäre doch ein schöner Tod.“ GEHTS NOCH? Das ist aktive Sterbehilfe! Nicht nur ist das illegal, sondern auch unethisch. Mir fehlen die Worte. Die Situation frustriert mich aufs Extremste, und ich bin damit überfordert. Ich bitte meine Kollegin, die Patientin zu übernehmen. Luisa hat schon 2 Jahre Arbeitserfahrung und geht mit der Situation besser um als ich. Oder vielleicht auch einfach nur frisch und unvoreingenommen. Gelassener. Distanzierter.

Frau Still soll zurück ins Altersheim, soweit sind sich zumindest die Ärzte und das Pflegepersonal einig. Dort stirbt es sich sowieso angenehmer als im Spital, es ist mehr „zuhause“, weniger piepsende Apparate, Bettnachbarn, Schläuche. Ausserdem machen wir kaum mehr etwas mit ihr. Sie bekommt ihre Medikamente und Physiotherapie. Das kann sie auch dort haben. Luisa vereinbart einen Termin für die Rückverlegung auf Ende der Woche.

Das ist den Töchtern ein Dorn im Auge. Sie finden, ihre Mutter sei „nicht stabil genug“. Wir gehen zwar darauf ein, bleiben aber dabei. Wenn alles gut kommt, soll Frau Still am Freitag zurück in ihr gewohntes Umfeld.

Es kommt gut. Frau Still gibt noch einmal alles. Plötzlich geht sie wieder am Rollator, hält den Löffel zum Essen wieder selber. Wie verabredet, darf sie zurück dort hin, wo sie die letzten 15 Jahre verbracht hat.

Das ist nun schon ein paar Wochen her, und ich kann immernoch nicht begreifen, was in den Köpfen der Töchter vorgegangen ist. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man so überzeugt sein kann, für seine Mutter das Beste zu tun, und dabei das Ziel so weit zu verfehlen und stur dabei zu bleiben. Vielleicht haben sie es nur gut gemeint. Ich hoffe es jedenfalls.

Und ich hoffe, dass Frau Still noch lange vergnügt ihr Birchermüesli mampfen darf.

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6 Kommentare zu „Andere Ansichten II“

  1. Solche Kinder wünscht man tatsächlich niemandem! Ich verstehe wie sehr das zehrt, an allen Ecken und Enden, wenn man ein geliebtes Familienmitglied nur noch dahinsiechen sieht und sich nur noch wünscht, er/sie muss nicht länger leiden.
    Aber das hier ist so weit entfernt von jedem siechen, wie kann man sich nur so verhalten? Verhungern lassen! Das geht doch in keinen Kopf!
    Ich tippe auf Erbe, anders kann ich mir das nicht erklären. Wütend sind sie ja offensichtlich nicht auf ihre Mutter. Wie armselig das ist…
    Hoffentlich mampft Frau Still noch lange, gut gesagt!

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  2. Das wünsche ich Frau Still auch. Eine/n Angehörige/n fünfzehn (!) Jahre im Pflegeheim zu haben kann extrem belastend sein – selbst wenn keine dementielle Veränderung vorhanden ist. Und was den Töchtern im Heim möglicherweise vermittelt worden ist, weiß man auch nicht.

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  3. Ich finde das Verhalten der Töchter grenzt fast an Mord, echt. Die Mutter zeigt ja Lebenswillen! Und so lange sie gerne isst und herumgeht, ist sie doch glücklich am Leben und leidet nicht enorm!
    Meine Mutter hatte frühen und starken Alzheimer. Erst als sie bettlägerig war (was sie NIE werden wollte) und auch nicht mehr schlucken konnte, haben wir uns, nach stundenlangen Gesprächen innerhalb der Familie, der Pflege und dem Pfarrer darauf geeinigt, dass wir sie nicht an die künstlicher Ernährung hängen. Sie lebte danach noch 5 Tage, mit einem Verdampfer wurden ihre Schleimhäute befeuchtet. Das waren die schlimmsten 5 Tage meines Lebens. Aber sie konnte schon lange nicht mehr sprechen, war bettlägerig, konnte nicht mehr schlucken…das war kein Leben mehr und wir wussten, dass dies ihrem Willen entsprach.

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  4. Ich schließe mich Anne an, mir ist beim Lesen richtig schlecht geworden! Hätte man mit den Damen nicht Klartext reden können und ihnen sagen das eine Überdosis Morphium MORD ist und wie sie auf die Idee kommen, den Menschen der sie großgezogen hat auf grausamste Weise verhungern zu lassen? Boah!!!!!!! Ich könnt schreien! (Alte Frauen rühren bei mir etwas)
    Kurz ist mir aber auch der Gedanke gekommen das es eventuell etwas zu erben gibt und die Töchter meinen das sie lange genug gewartet haben. Die arme Mutter… so lange gelebt, so lange überlebt, Kinder groß gezogen… und jetzt möchten diese Kinder das man so schnell wie möglich stirbt weil es bequemer für sie wäre. Die sollten sich etwas schämen!

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  5. Was genau hat denn die Töchter so davon überzeugt, dass das nicht mehr lange geht bei der Mutter? Irgendetwas muss da gewesen sein – ansonsten verstehe ich das Verhalten nämlich auch nicht … ausser sie wollten sie möglichst bald loswerden. Das wäre traurig.

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    1. Das konnten sie uns auch nicht so genau erklären. Sie meinten nur, es sei so ein „Gesamteindruck“. Ich muss (und kann) mich bei der Beurteilung ja auf die Pflege verlassen, welche einen ganz anderen Eindruck hatte als die Angehörigen. Vielleicht hat sie sich ihnen gegenüber anders verhalten? Ich habe echt keine Ahnung. Das war mit ein Grund, warum mich der Fall so beschäftigt hat,

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