Gyn: mal etwas Positives

Manchmal erlebt man auch Schönes auf der Gyn.

Eine Frau wird auf mein Telefon durchgestellt, weil sie gern mit einer Ärztin von der Gyn sprechen möchte. Dass ich dafür eigentlich die falsche Person bin, interessiert niemanden, denn ich betreue nach wie vor die gynäkologischen Patienten, und zum Chef wird man ja nicht so einfach durchgestellt.

„Kraut-und-Rübenspital, Assistenzärztin Stephanie?“

„Guten Tag, mein Name ist Eug. Ich habe eine Frage, und zwar bin ich in der achten Woche schwanger, aber seit gestern habe ich so komische Krämpfe und Blut am Toilettenpapier, und ich mache mir Sorgen, weil, ich habe Morbus Crohn [eine entzündliche Erkrankung des Darm] und nehme Medikamente, und die Schmerzen sind ja schon komisch…“

Ich stelle ein paar Fragen, die mir sinnvoll erscheinen. Ich kratze all mein Wissen über Blutungen und Schmerzen in der Schwangerschaft zusammen – was nicht besonders viel ist. Alles läuft jedoch auf eins raus: Es könnte eine Eileiterschwangerschaft sein. Und die kann böse enden. Ich bestelle die besorgte 28jährige ins Spital und informiere danach den Chef darüber. Dann lese ich kurz ein paar Sachen im Geburtshilfebuch nach und schreibe mir Fragen auf, die ich unbedingt stellen muss.

Als die Frau schliesslich ankommt, ordne ich eine Blutentnahme und einen Urintest an. Ich stelle alle meine sorgfältig durchdachten Fragen. Frau Eug ist gefasst, aber ängstlich. Sie versucht schon seit einer Weile schwanger zu werden, und jetzt hat es endlich geklappt. nächste Woche hätte sie einen ersten Termin bei der Frauenärztin, die heute in den Ferien ist. Sie hat sich unglaublich auf denkleinen Zellhaufen in ihrem Bauch gefreut – und sieht nun alles vor ihren Augen zusammenzubrechen.

Im Blut ist nichts zu sehen. Der Urintest sagt aus, dass sie schwanger ist, mehr nicht. Wir gehen zum Gynäkologen in die dem Spital angebaute Praxis, und er macht einen Ultraschall. Ich verdrück mich in eine Ecke, bleib aber dabei. Das kann ich mir nicht entgehen lassen.

Im Ultraschall sieht man die Gebärmutter, mit dem Hohlraum, den es gibt, wenn sie gröser wird. Und darin eine runde, helle Struktur. „Der Dottersack“, kommentiert der Gynäkologe. Er kippt den Schallkopf ein bisschen – und da ist es. Grau, länglich, undefinierbar, aber mit einer sich regelmässig bewegenden Struktur in der Mitte. Der Embryo. Ein kleines zukünftiges Leben.

Der Gynäkologe strahlt. „Sehen Sie das hier? Das ist ihr Baby. Es misst 5 Millimeter, und hier“ – er zeigt mit dem Mauszeiger auf die bewegende Struktur – „ist das Herz. Wollen Sie es hören?“

Frau Eug ist den Tränen nahe und nickt vehement. Der Gynäkologe drückt ein paar Knöpfe, und wir hören das rauschen. Wie Wellen, schnell, aber regelmässig.

Wir dürfen sie also nach Hause schicken mit der Gewissheit, dass mit ihrer Schwangerschaft für den Moment alles in Ordnung ist. Sie hat zum ersten Mal das Herz ihres Kindes schlagen gesehen und gehört, und ich durfte dabei sein. Sie bedankt sich überschwänglich und verabschiedet sich mit den Worten „Das ist das schönste Neujahrsgeschenk“.

Für mich irgendwie auch.

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Winter is coming

Das Wetter ist strahlend schön. Ich weiss das, weil’s auf dem Notfall Deckenfenster hat. Man sieht direkt den Himmel, wenn man nach oben schaut, und ich sehe nur blauen Himmel. Die Skigebiete in der Gegend sind offen. Schnee hat’s kaum, alles ist hart und gefroren und Kunstschnee. Ein gefrorener See lockt zum Spazieren und Schlittschuhlaufen.

Wir ahnen Böses.

Es beginnt am frühen Vormittag und zieht sich bis in den späten Abend. Eine junge Frau ist beim Klettern mit dem Fuss umgeknickt und gestürzt. Eine 50jährige Frau ist auf dem Weg zum See ausgerutscht und auf den Ellbogen gefallen. Eine 80jährige ist auf dem Weg zum See gestürzt, hat sich mit den Händen abgefangen und bricht sich beide Handgelenke. Drei junge Männer sind beim Skifahren gestürzt und haben sich das Knie verdreht. Nochmals zwei Personen mit gebrochenen Handgelenken, nochmals jemand mit gebrochenem Fussgelenk.

Der Rettungsheli fliegt, die Ambulanz fährt nonstop. Manche Patienten werden von einem auswärtigen Rettungsdienst gebracht, weil unsere beiden Equipen schon unterwegs sind. Manchmal bringt ein Rettungswagen gleich zwei Verletzte gleichzeitig, um Fahrten uns Zeit zu sparen. Das Wartezimmer ist voll, alle Notfallbetten sind voll, der Chirurg kommt aus dem Ops jeweils nur kurz raus, um Patienten kurz über ihren anstehenden Eingriff zu informieren. Die Röntgenbilder, die wir ihm zeigen wollen, schaut er sich an, während er am Tisch steht, dafür hat’s im Saal extra einen riesigen Bildschirm.

Wir sind zwei Assistenzärztinnen auf der Chirurgie, plus zwei ganz frische Unterassistenten, das sind Studenten, welche bei uns ein Praktikum machen. Auf der Medizin sind nochmal zwei Assistenzärzte, und sie unterstützen uns tatkräftig, während wir Patient nach Patient untersuchen, röntgen lassen, Berichte schreiben, Rezepte ausstellen, Schienen anpassen und zwischendurch noch auf Station das Eine oder Andere erledigen. Ein ganz normales Chaos.

Dann plötzlich ist der Spuk vorbei. Draussen ist es dunkel, wir haben gar nicht gemerkt, wie es Abend wurde. Das Wartezimmer ist leer, auf mich wartet noch jemand, um sein Rezept zu erhalten. Der Chirurge wirft kurz einen Blick in die Runde und geht nach Hause, um Abendzuessen. Er wird spätestens in einer Stunde wieder hier sein, wenn nötig, kommt er früher. Der Vorteil am kleinen Kraut-und-Rüben-Spital: man wohnt nahe. Man kann kurz nach Hause, Frau und Kinder sehen, und wenns nötig wird, ist man in 5 Minuten wieder da.

Ich kann kurz nach 9 nach Hause. Ich bin totmüde. Und morgen wird das Wetter nicht schlechter.

Die Saison ist eröffnet.