Andere Ansichten I

Frau Still lieg im Zimmer drölfzig. Sie ist vor einer Weile zu uns gekommen, weil sie im Altersheim gestürzt ist und sich dabei die Hüfte gebrochen hat. Sie ist 93 und nicht mehr wahnsinnig fit, aber zu ihrem Glück ist der Bruch stabil und muss nicht zwingend operiert werden. Wir nennen das „konservatives“ Vorgehen – nicht operieren, sondern andere Massnahmen ergreifen. Hauptsächlich heisst das, die Physiotherapeuten versuchen, sie soweit wieder auf die Beine zu bringen, dass sie wieder zurück ins Altersheim kann.

Schon über eine Woche ist sie hier, als mich abends eine Pflegekraft anruft. „Du, wegen Frau Still…“ – „Ja?“ – „Ihre Tochter ist hier, und sie sagt, Frau Still wird bald sterben.“

Nun. Frau Still ist sicher nicht das blühende Leben. Sie ist 93, ein bisschen dement, die Nieren arbeiten nicht mehr so gut, das Herz auch nicht. Aber na und? Für ihr Alter ist sie tiptop. Ich habe sie erst heute Morgen gesehen, und da war sie bestimmt noch nicht am sterben. Was um Himmels Willen ist passiert?

„Denkst du das auch?“, frage ich die Pflege. Wir haben hier viele sehr erfahrene Krankenschwestern, die ein ausgezeichnetes Gespür für solche Dinge haben, und die solche Situationen besser einschätzen können als ich.

„Eigentlich nicht, keine Ahnung, was die hat. Aber sie sagt, es gehe nicht mehr lang. Und wir sollen nichts mehr machen. Und sie will mit einem Arzt reden.“

Ich runzel die Stirn. Nichts mehr machen? Wie unfair! Frau Still ist auf dem besten Weg zurück ins Altersheim, die stirbt mir hier kein bisschen! Hallo?

Knapp zwei Stunden später habe ich Zeit, um auf der Station vorbei zu gehen. Zuerst gehe ich zur Pflege.

„Die Tochter von vorhin ist jetzt nocht mehr da, aber die andere.“, informiert sie mich. Ich seufze. Das kann ja nichts Gutes bedeuten, wenn sich zwei so verschiedene Meinungen treffen. Aber ich gehe zum Zimmer. Als ich die Tür öffne, erschrecke ich erstmal.

Im Zimmer ist es dunkel, alle Lichter sind aus. Auf dem Nachttisch stehen drei grosse, brennende Kerzen (weiss die Pflege das? Ist das erlaubt?). Frau Still liegt im Bett, Kopfteil hochgestellt, und ihre Tochter sitzt im Lehnstuhl daneben. Ich stehe einen Moment starr da und lasse die Szene auf mich wirken. Frau Still sagt „Hallo!“ und winkt mir zu.

„PSCHT!“, macht die Tochter. „Wecken Sie sie nicht auf!“

„Aber sie ist doch wach…“

„BITTE“, schnauzt sie, in einem genervten Ton, als wäre ich ein quengelndes Kleinkind. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. So redet man nicht mit mir. Oder überhaupt mit irgendwem. Ich gehe näher ans Bett.

„Ich habe gehört, Sie haben ein Anliegen?“, flüstere ich. Noch böser muss sie ja nicht unbedingt werden.

„NEIN.“ Sie spuckt das Wort aus. „Meine Schwester vielleicht. Ich nicht.“

Ich schaue mir Frau Still an. Sie liegt friedlich im Bett und lächelt mich an. Die stirbt nicht so schnell, entscheide ich für mich. Ich habe eigentlich keinen Grund, hier zu bleiben und mich wie ein freches Schulkind anpfeifen zu lassen.

„Na dann“, sage ich und verlasse das Zimmer. Dann beklage ich mich bei der Pflege darüber, was gerade passiert ist, und ärgere mich noch ein bisschen. Ich habs schon im Gefühl: Das Ganze ist noch nicht gegessen. Und ich werde recht behalten…

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