Ein schwieriger Fall

Ich weiss schon nach den ersten paar Sätzen, dass mir dieser Patient Probleme bereiten wird.

Er kommt gegen 3 Uhr auf den Notfall wegen „unerträglicher Schmerzen im Bauch“  links unter dem Rippenbogen. Zu Schmerzen gibt es ein paar Fragen die man stellen muss. Wann hat der Schmerz angefangen, wurde er immer schlimmer oder blieb es etwa gleich, ist er eher stechend oder krampfartig, kommt und geht er oder bleibt er konstand und so weiter. Meine erste Frage ist entsprechend: „Seit wann haben Sie denn diese Schmerzen?“

„Seit 3 Jahren.“, antwortet er. Oh-oh. Schmerzen seit drei Jahren. Das kann nichts Gutes bedeuten. Er fährt weiter. „Wissen Sie, damals habe ich mit eine Rippe gebrochen. Und dann war ich in einem Spital, und die haben nichts gemacht! Wissen Sie? Einfach nichts! Also habe ich gesagt, das ist mir zu blöd, und bin nach Hause. Auch wenn die das nicht wollten.“

Ich frage weiter. Es stellt sich heraus, dass er seit drei Jahren immer wiederkehrende Schmerzen links hat. Oft sind die so stark, dass er so richtig starke Schmerzmitttel braucht, so wie heute. Und jetzt, um 3 Uhr nachts, findet er, es muss endlich mal etwas passieren. Ich könnte schon Wetten abschliessen, dass er nicht zufrieden sein wird. Nachts um 3 gibt es keine umfassendsten Abklärungen, schon garnicht im kleinen Krautundrübenspital. Hier wird ein Patient erstmal aufgenommen und erhält Schmerzmittel, und Abklärungen macht man dann tagsüber. Ausser wirklich dringende natürlich.

Ich stelle weiter meine Fragen und höre seinen Tiraden über Ärzte und Spitäler zu. Mir gefällt der Ton nicht, in dem er zu seiner Frau spricht – abwertend, respektlos, befehlend. Geht mich zwar nichts an, macht ihn aber nicht sympathischer und bestärkt mich weiter in meiner Sorge, dass dies kein einfacher Fall sein wird. Wenn er so mit seiner Frau redet,wie wird er dann mit der Pflege umgehen? Mit meinen Kollegen? Mit mir? Seine Frau sitzt in einer Ecke wie ein graues Mäuschen. Sie springt sofort auf, wenn er etwas von ihr will, sagt kein Wort und setzt sich dann wieder hin, wenn er mit dem Kopf kurz undohne sie eines Blickes zu würdigen in Richtung Stuhl nickt.

Zum Abschluss habe ich noch ein paar Standardfragen.

„Haben Sie Allergien?“

Er schnaubt. „Ärzte.“ Ich ziehe meine Augenbrauen hoch. „Nichts Persönliches.“, fügt er an. Klar. Seufz.

Ich habe keine Ahnung, was er hat, aber akut ist es nicht. Nach der körperlichen Untersuchung erhält er Schmerzmittel, eine Blutentnahme, ein Röntgenbild vom Oberkörper und ein Bett auf der medizinischen Station. Den Rest der Nacht höre ich nichts von ihm, er hat geschlafen.

In den nächsten Tagen wird er immer wieder Probleme machen. Er wird Medikamente verlangen, die er nicht unbedingt braucht. „Ich will um Punkt elf Uhr abends 4mg Moprhin und 2.5mg Temesta, damit ich mich so richtig abschiessen und dann schlafen kann.“, wird er zur Pflege sagen. „Woah das war ein echt geiler Flash“, wird er sagen, nachdem er auf seinen Wunsch auch am Vormittag 4mg erhält. Er wird verlangen, am übernächsten Morgen nach Hause zu dürfen für 2 Stunden, um mit seinem Huns spazierenzugehen, und danach wie ein völlig veränderter Mensch und mit winzigkleinen Stecknadelpupillen zurückkommen. Am Abend dann wird er ausrasten und eine Wasserflasche nach der Pflegefachfrau werfen. Und auf der Chefarztvisite wird er sich beschweren, wir würdenhier ja nichts machen und ihn nicht ernstnehmen und wenn das so weitergeht, dann geht er nach Hause. Der behandelnde Assistenzarzt wird ihn dann entlassen, weil der Patient nicht einsieht, dass es nicht okay ist, das Pflegepersonal zu bewerfen und zu beschimpfen, und dass er sich hier an gewisse Regeln halten muss.

Ich hoffe, wir sehen den nicht so bald wieder.

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2 Kommentare zu „Ein schwieriger Fall“

  1. Klingt ja eher nach dem Kapitel F des ICD. Vielleicht auch in Kombination mit der Achse 2 des DSM. Wünsche ich euch nicht zu oft im kleinen Krautundrübenspital. Ist allerdings mein täglich Brot 🙂

    Ansonsten weil ich gerade zum ersten mal hier schreibe: Schönes (schöner?) Blog!

    LG
    Caldwhyn

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    1. In früheren Berichten haben wir tatsächlich die Diagnose Somatisierungsstörung gefunden, der behandelnde Arzt hat die dann auch in die Diagnoseliste aufgenommen. Der Patient hat den Bericht verlangt und sich danach beschwert und verlangt, dass die Diagnose wieder entfernt wird, weil er damit nicht einverstanden ist, was dann auch gemacht wurde. Er ist jetzt beim lokalen Psychiatriedienst angebunden, nimmt seine Termine aber häufig nicht wahr.

      Wir haben immer wieder mal Patienten mit psychiatrischen Diagnosen, sind aber leider trotzdem meistens überfordert, weil es nicht unser täglich Brot und unser Schwerpunkt ist. Das ist besonders schade für die Patienten, denen entsprechend auch nicht optimal geholfen werden kann…

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