Live and let die

Ich habe gerade einen Patienten ins Zentrumspital verlegt. Einen jungen Mann, noch keine 40, mit Verdacht auf Herzinfarkt oder Aortendissektion, also ein Defekt im grössten Blutgefäss des Körpers. Als er auf den Notfall kam, hat mich die Notfallpflege, Jeanne, sofort hinzugerufen. „Mit dem istwas nicht gut“, raunt sie mir zu, und ich teilte ihre Meinung nach knapp einer Minute Gespräch mit ihm. Mich beschlich ein ganz ungutes Gefühl, und ich bat den noch anwesenden Kollegen, der soeben nach Hause wollte, doch noch kurz zu bleiben – eine gute Entscheidung. 5 Minuten später wurde das erste EKG gemacht, und irgendwas war daran nicht sauber. Ein klarer Infarkt war es nicht, aber normal auch nicht. Ich rief den diensthabenden Mediziner, den Chefarzt, an. Noch während dem Telefonat wurde der Patient bewusstlos – natürlich genau in dem Moment, als die Radiologieassistentin ihre grosse EKG-Maschine abhängt und Jeanne den Patienten noch nicht an den Monitor anschliesst, weil sie gerade einen Zugang legt. „Wir sind eventuell gleich am Reanimieren. Wäre vielleicht gut, wenn du kommst“, sage ich zum Chef, hänge auf – und mein Kollege und ich legen los. Zum Glück ist er geblieben.

Am Ende mussten wir nicht reanimieren. Er kam von selbst wieder, und wir haben ihn mit der Ambulanz verlegt. Danach bin ich komplett aufgewühlt vom Adrenalin und der Verantwortung und der ganzen Geschichte, und ich brauche einen Moment, um mich wieder zu fangen. Es ist erst halb 11, die Nacht ist noch lang.

Der wird mir nicht gegönnt. Die Pflege ruft an und informiert mich, dass Herr Z., ein alter, dementer Patient, verstorben sei. Ich müsse den Tod bestimmen. Immernoch durch den Wind, mache ich mich auf den Weg.

Herr Z durfte sterben. Es mag ein Tabuthema sein in unserer Gesellschaft, aber wir alle sterben. Und irgendwann mal soll man das auch dürfen. Herr Z’s Demenz war… Schlimm. Er hat viel geschrien und geklagt, und hatte seit kurzem auch noch eine Lungenentzündung und hohes Fieber.

Den Tod zu bestimmen, eilt nicht. Das erste sichere Zeichen sind Totenflecken, und die treten erstmals etwa eine halbe Stunde nach dem Todeszeitpunkt auf. Weitere sichere Zeichen sind Totenstarre (nach ein paar Stunden), Fäulnis (je nachdem, geht aber länger) und Verletzungen, die mit dem Leben nicht vereinbar sind.

Die Pflege hat mich, dessen bewusst, etwa eine Stunde nach dem Tod dazugerufen. Nun darf ich noch ins Zimmer gehen und mich davon überzeugen.

Im Einzelzimmer ist es kalt und dunkel. Mir ist mulmig. Nein, natürlich ist es nicht das erste Mal, dass ich einen Toten sehe. Auch nicht einen frisch Verstorbenen. Aber es ist das erste Mal, dass ich den Tod feststellen muss. Der Patient liegt im Bett, bedeckt durch ein Leintuch. Ich stelle alle Lichter an und lasse die Tür ein Stück offen. So fühle ich mich wohler.

Ich stehe eine Armlänge vom Bett entfernt. Im Hinterkopf immernoch der junge Mann von vorhin, das Gefühl im Bauch, als ich gedacht habe, „der könnte mir hier gleich sterben.“ Wohl fühle ich mich nicht. Kein bisschen. Es verstreichen ein paar Sekunden, bis ich das Leintuch anfassen kann. Ich nehme einen Zipfel in die Hand und schlage das Tuch um.

Das hier ist kein Gore-Blog. Ich werde nicht beschreiben, wie das aussieht. Aber ich sehe die Totenflecken, lege das Leintuch wieder über ihn und verlasse das Zimmer. Zu mehr kann ich mich nicht überwinden.

Ich gehe rüber auf die Gyn. Hier ist Leben. Ein Säugling wird im Stationzimmer von einer Pflegefachfrau beruhigt, weil es Bauchkrämpfchen hat.

Ich fühle mich erst wieder besser, als ich mich dem nächsten Notfallpatienten widmen kann. Die Arbeit lenkt mich ab.

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2 Kommentare zu „Live and let die“

  1. Danke das du so aufmerksam bei instabil aussehenden Patienten bist. Aus eigener langjährigem leiden kann ich dir versichern das das nicht selbstverständlich ist! Erst recht nicht in Deutschland. .. danke. Bleib wie du bist ! Herr z. Sitzt übrigens jetzt im himmel am strand sonnt sich hat nen Cocktail inner hand und singt hansi hintermeier. Lg

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  2. Du hast das ganz wunderbar beschrieben. Wie durcheinander man nach solch einem Notfall ist. Und doch ist alles genau so gut gegangen, wie „es sich gehört“. Der alte Mann ist verstorben und nicht der junge. Dennoch ist man durcheinander.
    Ich bin Pflegekraft und erlebe so etwas auch nicht jeden Tag. Daher bringt mich der Tod auch jedes Mal durcheinander… Vor allem Notfälle sind seltsam. Und man braucht danach meist einen Moment.
    Ich wollte Danke sagen – für deine Schilderung!
    Hüpfeflo

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