Daumenschmerzen

Der Rettungsdienst kündet sich mir am Freitag gegen 3 Uhr nachts an. Sie bringen mir eine junge Patientin mit Verdacht auf einengebrochenen Daumen. Ich bin schon im Pikettzimmer im schönen, warmen Bett. Geschlafen habe ich eigentlich noch nicht, aber das machts ja nun auch nich besser.

Die netten Kollegen bringen mir zwei junge Frauen: Die Patientin und ihre Kollegin. Die linke Hand ist mit einem SamSplint geschient, alle sind guter Dinge. Die Patientin, nennen wir sie Nadja, entschludigt sich wiederholt und beteuert, ihr sei das Ganze unglaublich peinlich. Soweit, so gut.

Der Kollege vom Rettungsdienst erzählt mir kurz. Nadja, 22, ist gestossen worden und nach hinten gefallen. Sie hat versucht, sich mit der linken Hand aufzufangen, und sich dabei irgendwie den Daumen angeschlagen. Genaueres kann sie nicht sagen. Sie ist betrunken, aber immerhin noch gut gehfähig. Sonst gesund.

Die Sanitäter müssen wieder gehen, sie sind im Bergdorf stationiert. Ich bin allein mit den Frauen im Notfall. Ich packe den Daumen aus und sehe ihn mir mal an. Noch sind alle gut drauf. Nadja entschuldigt sich wieder und verspricht, gar nicht so betrunken zu sein.

„Ich hab total Mundgeruch“, sagt sie. „Hast du einen Kaugummi?“

„Nur den, den ich gerade im Mund habe“, antworte ich.

„Kann ich den haben?“ – „Ähm… Nein?“ – „Komm schoooooon…“ – „Nein.“

Bei der kleinsten Berührung jammert Nadja lautstark. Ich lasse es also bleiben und bestelle mir die Radiologieassistentin ein, die auf Pikett ist. Während ich einen Fall eröffne und Nadjas Daten in den Computer eingebe, beginnt Nadja im Behandlungszimmer zu schluchzen.

„Iiiiich kann doch gahahar nichts dafür“, schnieft sie. Ihre Kollegin tröstet sie nach Kräften. Nadja ist fast untröstlich. Das ändert sich auch nicht, als sie 10 Minuten später zum Röntgen abgeholt wird.

Ich sehe keinen Bruch auf dem Röntgenbild. Standardmässig würde ich ihr nun eine Gipsschiene anfertigen und sie am nächsten Morgen zur Kontrolle einbestellen, damit ein Orthopäde sich das Ganze noch anschauen kann. Ich kanns ja nicht untersuchen, weil sie solche Schmerzen hat, und es könnte immernoch eine Sehne verletzt sein. Das sieht Nadja ganz anders.

„Aber morgen ist [ein Sportevent]! Wir sind extra dafür hierher gekommen, und gehen nachher wieder nach Hause!“

„Ich kann den Daumen nicht untersuchen. Ich kann also noch nicht sagen, ob vielleicht eine Sehne verletzt ist. Es wäre wirklich besser, du würdest morgen nochmal vorbeikommen.“

„Nein… Morgen habe ich echt keine Zeit. Ich geh am Montag zum Hausarzt.“

Wir diskutieren noch ein bisschen. Wirklich umstimmen muss ich sie nicht. Sie hat nichts wirklich Gefährliches, nichts, das man sofort behandeln müsste. Bis am Montag ist die Schwellung etwas abgeklungen und der Daumen ist besser untersuchbar. Dann eben. Ich kann sie ja kaum zwingen.

Ich beginne, die Gipssachen zusammenzutragen, um eine Daumenschiene herzustellen. Währenddessen ruft die Kollegin ungefragt und in Eigenregie ein Taxi. „Wie lange brauchst du für den Gips?“, fragt sie mich.

Eigentlich will ich darauf garnicht antworten. Ich hab so lange, wie ich eben habe, das hier ist ein Spital. Ich habe aber auch keine Lust mehr, zu diskutieren. „Eine Viertelstunde.“ Sie bestellt das Taxi für in 20 Minuten. Ich schneide den Gips zurecht, mache ihn nass und passe ihn an. Dann umwickle ich ihn mit einer elastischen Binde, damit er sich gut anfügt. Nadja jammert wieder. Um sich abzulenken, singt sie lautstark „Wänni nume wüsst wo s’Vogellisi wär“. Ihre Kollegin stimmt ein. Zwischendurch kommen immer wieder Schluchzattacken von Nadja. Ich bin müde und genervt.

Kaum bin ich fertig, springen sie Frauen auf. „Taxi wartet!“, rufen sie, und springen zur Tür hinaus. Nadja lässt ihr Handy liegen. Ich rufe ihr hinterher, sie holt es sich und rennt ihrer Freundin nach.

Ich räume das Gipsmaterial weg, nach wie vor genervt. Zur Beruhigung gehe ich auf die Gyn. Ich habe Glück, ein Säugling soll noch ein Fläschchen bekommen, und ich darf ihn füttern. Der Ärger vergeht langsam.

Ich gehe wieder ins Pikettzimmer und versuche, noch ein bisschen zu schlafen.

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6 Kommentare zu „Daumenschmerzen“

  1. So betrunkene Leute im Krankenhaus finde ich schlimm…die raubten dir und allen anderen den Schlaf. Und eventuell mussten andere schwer kranke wegen der dummen K…warten, oder nicht? Wir warteten mal schon ca 30 Minuten im Empfang mit unserer 18 jährigen Tochter, mit so schwerer Angina, dass das Antibiotikum nicht griff, das Fieber etwa 40.5 Grad hochschoss und der Notarzt uns ins Krankenhaus schickte. Der Papa trug tatsächlich die Tochter, da schon 1.85 auf dem Arm…aber wir warteten 30 Minuten im Empfangszimmer, obwohl der Notarzt uns angemeldet hatte und nach 30 Minuten riefen die Krankenschwestern laut: „Eine Ambulanz mit einem besoffenen kommt, schnell Pipi machen, nachher haben wir keine Zeit mehr.“ OK, da schoss ich hoch, rannte an den Empfang und brüllte so laut ich konnte. „Jetzt kümmert sich gefälligst endlich jemand um unsere Tochter, ich habe Angst das sie stirbt und sie kann nichts dafür und hat nicht GESOFFEN!“ Das nützte wenigstens, sie kam endlich in ein Bett, kriegte eine Infusion und ein Arzt schlug auch sehr schnell bei uns auf…ohne meinen Protest, wäre ihr wohl der Betrunkene vorgezogen worden.

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    1. Das habe ich ehrlich gesagt auch erwartet. Es war wohl nur eine Zerrung – die kann aber ganz schön weh tun, und Schmerzmittel wollte sie ja keine von mir haben. Aber sie kam nicht nochmal. Ich hoffe, sie ist mal noch zum Hausarzt gegangen…

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