Kleines Kind, grosses Problem

Manchmal geht nicht alles gut.

Ich hab wiedermal die Gyn. Deshalb darf ich auch in den Ops für einen geplanten Kaiserschnitt – medizinisch Sectio genannt. Das Baby liegt verkehrt herum, es hat zuviel Fruchtwasser im Bauch. Im Zentrumsspital wurden deshalb Abklärungen gemacht, das Baby wurde für gesund befunden. Etwas klein vielleicht. Aber das geht schon.

Neben mir am Tisch ist eine junge Hebamme in Ausbildung, die den undankbaren Job des zweiten Assistenten übernimmt: Haken halten. Die Operation geht gut voran. Die Gebärmutter kommt zum Vorschein, wird aufgeschnitten, wie eine Fontäne spritzt das Fruchtwasser. Dann kommt das kleine blaue Ding aus dem Bauch, die Nabelschnur zweimal um den Hals gewickelt. Mama freut sich. Ich sauge das Mäulchen ab. Das Kind ist klein. Bübchen. Es wird abgenabelt und der Hebamme in die Arme gelegt. Kurzes Hallo zur Mama, dann verschwinden Hebamme, Anästhesist und Bub nach draussen, wo der Kleine untersucht wird.

Lange hören wir nichts. Wir haben aber sowieso unseren eigenen Job, wir nähen Mama zu. Irgendwann wird der sonst so ruhige Operateur unruhig und ruft nach einem Anästhesisten.

Baby ist immernoch draussen mit der Hebamme und dem Narkose-Team.

Der Anästhesist sagt, dass das Bübchen nicht gut atmet. Es braucht noch Sauerstoff. Man will das Kinderspital kontaktieren, will aber auch noch etwas warten und dem Kind Zeit geben, sich selbst zu erholen. Neugeborene sind stärker, als sie aussehen. Tatsächlich atmet er bald selbst. Noch etwas langsam, aber er braucht keinen Sauerstoff und ist schön rosa. Die Hebammen entschliesst sich, Kind und Papa hoch in den Gebärsaal zu nehmen und es dort weiter zu überwachen. Wir nähen fertig.

Plötzlich ruft der Anästhesiepfleger nach seinem Chef. Wenn Anästhesisten laut werden, dann ist die Kacke am Dampfen, so die Faustregel. Bübchen atmet nicht mehr.

Die Kinderärztin aus dem Zentrumsspital wird per Heli eingeflogen, aber so schnell ist sie auch nicht da. Bübchen wird beatmet – und erholt sich wieder. Schliesslich atmet er wieder von selbst, braucht aber immernoch Sauerstoff.

Nach der OP bereite ich den Bericht fürs Kinderspital vor, drucke Schwangerschaftskontrollen und Laborwerte aus. Der Heli kommt an, und zusammen mit dem Chefgynäkologen übergeben wir den Kleinen an die Spezialistin. Sie untersucht Bübchen, legt einen Venenzugang, klebt ein Pflaster mit kleinen Bärchen drauf und legt eine Magensonde. Später werde ich mich fragen, wo die wohl gelandet ist, weil sich herausstellen wird, dass Bübchen keine richtige Speiseröhre hat. Mama und Papa sind in der Nähe und fassungslos. Glaube ich gern. Muss das nicht etwas vom Schlimmsten sein, ein Kind auf die Welt zu bringen, nur um es danach sofort wegzugeben, ohne Gewissheit, was mit ihm passiert und was es hat?

Irgendwann sind alle so weit. Bübchen liegt in einem warmen Brutkasten, verkabelt und eingepackt. Das Heli-Team fliegt los. Mama und Papa bleiben zurück. Papa wird im Lauf des Tages ins Kinderspital folgen, für Mama werde ich eine Verlegung am nächsten Tag in die dort nahe Frauenklinik organisieren. Ich werde lange mit verschiedenen Oberärzten kämpfen, um ihr ein Bett zu beschaffen, bis schliesslich der Kinderchirurg auf einer sofortigen Verlegung der Mutter bestehen wird, damit sie vor der Operation nochmal zu ihrem Kind kann. Und wenns der Kinderchirurg sagt, dann passiert es auch.

Und ich weiss einen weiteren Grund, warum Geburtshilfe einfach nicht mein Ding ist.

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2 Kommentare zu „Kleines Kind, grosses Problem“

  1. Gerade über Deinen Blog gestolpert, gefällt mir sehr gut. Spannende Geschichten mit kleinem Einblick in den Krankenhausalltag. :o)
    Ich werde weiterhin mitlesen …

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    1. Vielen Dank! Genau das ist das Ziel der Übung 🙂 Viele meiner Bekannten und Familienmitglieder haben keine Ahnung, wie es im Spital so zu und her geht, deshalb habe ich angefangen zu schreiben. Wer nicht im Krankenhaus arbeitet, kennt es ja höchstens als Patient, und dann erlebt man alles ganz anders.

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