Die Pille danach

„Ich hätte da eine Patientin…“, sagt Fiona, die Notfallpflegefachfrau. Es ist neun Uhr abends, mein allererster Nachtdienst hat vor einer Stunde begonnen. Ich nicke, und sie fährt fort: „Eine 15jährige will die Pille danach. Sie ist mit ihrem Freund da. Und ihrer Mutter.“

Ach Mist. Wiedermal etwas, was ich noch nie gemacht habe. Zum Glück weiss ich ungefähr, wie das ablaufen sollte, dank einem super Apotheker-Blog. Pharmama hat schon ein paar Mal darüber geschrieben. Die wichtigsten Dinge bringe ich sicher zusammen.

Ich betrete das Zimmer. Das Paar sitzt auf der Liege, eng beieinander. Er hält fest ihre Hand. Mama sitzt gegenüber. Die Stimmung ist locker – so habe ich mir das wirklich nicht vorgestellt. Bevor ich beginne, wende ich mich trotzdem an die Mutter.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, draussen zu warten? In der Regel geht sowas einfacher, wenn die Eltern nicht dabei sind.“ Die Mutter scheint erleichtert, lacht, stimmt zu, steht auf und geht. Wow. Das war einfacher als erwartet.

Die junge Frau beantwortet meine Fragen. Letzte Mens vor 2 Wochen. Mit Kondom verhütet, was passiert ist, wissen sie nicht. Abgerutscht, geplatzt, irgendwas. Vor eineinhalb Stunden. Sie sind sofort zur Mutter und mit ihr sofort hierher. Ob sie immer mit Kondom verhüten? Ja, aber es war auch erst das zweite Mal. Sie will zum Frauenarzt für die Pille.

Irgendwie bin ich beeindruckt. 15 Jahre alt, sitzen sie vor mir, du übernehmen Verantwortung für ihr Handeln. Kein betrunkener, ungeschützter Partysex. Kein Leichtsinn, kein. Einfach ein Unfall, etwas, das passieren kann, und jetzt tragen sie die Konsequenzen.

Nach dem Gespräch erhält das Mädchen die Pille danach von mir. Die Spitalvorschrift lautet, dass diese gleich bar bezahlt werden muss, und ihr Freund zückt sofort das Portemonnaie. Die Mutter, die ich inzwischen wieder dazu geholt habe, meint, sie würde es auch zahlen, aber der junge Mann widerspricht ihr sofort. „Nein nein, das war unser Fehler. Ich mach das schon.“

Das scheint mir irgendwie das best case Szenario zu sein. Teenies, die Verantwortung übernehmen, und Mütter, die unterstützen. Kein Tabu, kein Schimpfen, kein Verheimlichen.

Ich kann mir aber gut vorstellen, dass sowas nicht unbedingt die Norm ist.

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8 Kommentare zu „Die Pille danach“

  1. Ich arbeite in einer Apotheke in Hamburg und bisher hatte ich so einen „Glücksfall“ erst einmal bei einem Paar in den 40ern. Ansich verantwortungsbewusst, aber Fehler sind menschlich.
    Leider hatte ich meistens, dass die junge Frau alleine und ziemlich fertig mit den Nerven vor mir stand.

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    1. Ich habs mir irgendwie auch eher vorgestellt… Jedenfalls nicht so pragmatisch und praktisch und locker. Das war wohl einfach Glück, und nächstes Mal wird dann schlimmer…

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  2. Ich hätte das Mädel nochgefragt, ob ihr die Anwesenheit des Freundes recht ist, sonst hätte ich den auch rauskomplimentiert. De facto habe das schon mal gemacht, als ich schon in die ersten Worte hineininterpretierte, dass der aktuelle Lebensabschnittsgefährte nix über den Menstruationszyklus und weitere weiblichen Geschichten voller Missverständnisse wissen braucht…

    Ansonsten wäre es für solch Fälle vielleicht eine Idee, einen passenden Abfragebogen zu gestalten und in das fragliche Medi-Fach einfach mit reinzulegen; so geht er nicht verlohren und ist immer griffbereit wenn man ihn braucht. Müsste natürlich mit der Führungsetage abgestimmt sein. Hier: http://www.abda.de/fileadmin/assets/Praktische_Hilfen/Leitlinien/Selbstmedikation/Notfallkontrazeptiva_Handlungsempfehlung-Checkliste_BAK_20151007.pdf wäre der ABDA-Vorschlag (allerdings für Apotheken).

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    1. Wow, super! Vielen Dank! Sowas habe ich gesucht, aber wenn man „Pille danach Beratung“ googelt, kommen nur irgendwelche Teenie-Foren… Daran, den Freund rauszuspedieren, habe ich in dem Moment überhaupt nicht gedacht, ist aber ein echt guter Punkt. Die zwei waren so fest aneinander geklammert… Waren halt schon ein Bisschen nervös. Nächstes Mal denk ich hoffentlich dran und überlegs mir vorher, wen ich alles rausschicke 😉

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      1. Den Freund rauszuschicken ist ja kein „muss“. Wenn sie ihn dabei behalten will, (auch) als moralische Stütze, ist das für mich ok. Beide dürfen nur halt kein Problem damit haben, dass Fragen nach der letzten Menstruation, nach regelmäßigen Medikamenten, nach Familienanamnese (Thrombose) usw. gestellt werden. Hat sie dann doch ein Problem, solche sachen vor ihm zu beantworten -> darf er die Bühne verlassen… 😉

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    1. Huh. Das ist die alte Version. (Ist die jetzt öffentlich zugänglich?) Aber da sie sich von der neuen hauptsächlich dadurch unterscheidet, dass die Abklärung ob die Patientin mündig ist nicht drauf ist, kann man die bestens verwenden.

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