Winter is coming

Das Wetter ist strahlend schön. Ich weiss das, weil’s auf dem Notfall Deckenfenster hat. Man sieht direkt den Himmel, wenn man nach oben schaut, und ich sehe nur blauen Himmel. Die Skigebiete in der Gegend sind offen. Schnee hat’s kaum, alles ist hart und gefroren und Kunstschnee. Ein gefrorener See lockt zum Spazieren und Schlittschuhlaufen.

Wir ahnen Böses.

Es beginnt am frühen Vormittag und zieht sich bis in den späten Abend. Eine junge Frau ist beim Klettern mit dem Fuss umgeknickt und gestürzt. Eine 50jährige Frau ist auf dem Weg zum See ausgerutscht und auf den Ellbogen gefallen. Eine 80jährige ist auf dem Weg zum See gestürzt, hat sich mit den Händen abgefangen und bricht sich beide Handgelenke. Drei junge Männer sind beim Skifahren gestürzt und haben sich das Knie verdreht. Nochmals zwei Personen mit gebrochenen Handgelenken, nochmals jemand mit gebrochenem Fussgelenk.

Der Rettungsheli fliegt, die Ambulanz fährt nonstop. Manche Patienten werden von einem auswärtigen Rettungsdienst gebracht, weil unsere beiden Equipen schon unterwegs sind. Manchmal bringt ein Rettungswagen gleich zwei Verletzte gleichzeitig, um Fahrten uns Zeit zu sparen. Das Wartezimmer ist voll, alle Notfallbetten sind voll, der Chirurg kommt aus dem Ops jeweils nur kurz raus, um Patienten kurz über ihren anstehenden Eingriff zu informieren. Die Röntgenbilder, die wir ihm zeigen wollen, schaut er sich an, während er am Tisch steht, dafür hat’s im Saal extra einen riesigen Bildschirm.

Wir sind zwei Assistenzärztinnen auf der Chirurgie, plus zwei ganz frische Unterassistenten, das sind Studenten, welche bei uns ein Praktikum machen. Auf der Medizin sind nochmal zwei Assistenzärzte, und sie unterstützen uns tatkräftig, während wir Patient nach Patient untersuchen, röntgen lassen, Berichte schreiben, Rezepte ausstellen, Schienen anpassen und zwischendurch noch auf Station das Eine oder Andere erledigen. Ein ganz normales Chaos.

Dann plötzlich ist der Spuk vorbei. Draussen ist es dunkel, wir haben gar nicht gemerkt, wie es Abend wurde. Das Wartezimmer ist leer, auf mich wartet noch jemand, um sein Rezept zu erhalten. Der Chirurge wirft kurz einen Blick in die Runde und geht nach Hause, um Abendzuessen. Er wird spätestens in einer Stunde wieder hier sein, wenn nötig, kommt er früher. Der Vorteil am kleinen Kraut-und-Rüben-Spital: man wohnt nahe. Man kann kurz nach Hause, Frau und Kinder sehen, und wenns nötig wird, ist man in 5 Minuten wieder da.

Ich kann kurz nach 9 nach Hause. Ich bin totmüde. Und morgen wird das Wetter nicht schlechter.

Die Saison ist eröffnet.

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