Sunday, bloody sunday

Meilensteine gibt es für Assistenzärzte viele. Der erste Dienst, die erste Nacht, das erste Wochenende. Nach eineinhalb Monaten Eingewöhnungszeit war es auch bei mir mit letzterem soweit.

Eigentlich war ich krank. Seit Dienstag schon. Montag ging noch gut, dann begannen die Halsschmerzen, die mich sogar nachts weckten. Mit 38.5° habe ich am Dienstag Abend gegen 10 meinen Dienst beendet. Am nächsten Tag war das Fieber weg, besser ging es mir aber nicht – nach der Chefvisite schickte mich meine Kollegin nach Hause. Dann kam der Husten und Heiserkeit. Und schliesslich das Wochenende.

Samstag ging gut – weil ich nicht allein war. Wer am Sonntag Dienst hat, kommt am Samstag nur für die Visite, und die dauerte nur etwa 2 Stunden. Weil dann doch 3 Notfälle gleichzeitig ankamen, blieb ich noch, um die ambulanten geplanten Patienten zu sehen, die für irgendwelche Nachkontrollen kamen. Ich flüsterte mich durch die Sprechstunden und hustete mich durch die Besprechungen mit Chefarzt oder Pflege. Gegen 1 Uhr Mittags war ich schliesslich zurück im Zimmer und verbrachte den Rest des Tages mit Schlafen und Computerspielen.

Sonntag war die Bewährungsprobe. Immernoch heiser, immernoch hustend – und zum ersten Mal kein anderer Assistenzarzt im Haus, den man noch kurz was fragen kann, wenn man nicht sicher ist. Nur man selbst und die Chefs, deren Ziel es ist, nur gerade so oft wie nötig gestört zu werden.

Eigentlich begann es recht gut. Ein 3ähriger mit Ohrenschmerzen. Visite auf der Chirurgie, dann der Gyn, dann der Medizin. Nur „Kardex-Visite“, sprich, man braucht nicht die Patienten selbst alle zu sehen, sondern bespricht sie mit der Pflege. Die Pflege wiederum hält sonntags einen Brunch ab, den sie von der Küche erhalten, mit Brot, Käse, Fleisch, allem, was das Herz begehrt. Ich konnte mir genug Zeit für den Brunch nehmen, ein bisschen mit den Ladies tratschen, mampfen. Bis irgendwann die Notfallpflege anrief und mich informierte, es sei eine Patientin auf dem Weg zu uns. Und fünf Minuten später noch eine zweite.

Ich löste noch ein paar Probleme auf der Chirurgie. Dokumentierte, schrieb Berichte und bereitete Entlassungspapiere vor. Dann das Telefon, die Patientin sei auf dem Notfall angekommen – und 10 Sekunden später rief die Hebamme an, ich müsse zur Geburt. Jetzt. Wir brachten also ein kleines Mädchen zur Welt, Wassergeburt (eklig). Mutter und Kind tiptop. Trotzdem, das dauert. Knapp eine Stunde später komme ich auf dem Notfall an und stelle mit Begeisterung fest, dass sich mein Uhu (meine Studentin im praktischen Jahr) bereits einen angeschaut und aufgegleist hat.

Ich sehe noch mehr Patienten. Und noch mehr. Führe ein Telefonat mit einer Dame, deren betagter Ehemann natürlich genau jetzt, genau am Sonntag Mittag, feststellt, dass er von diesem superwichtigen Herzmedikament keine Tabletten mehr hat. Noch mehr Patienten. Noch mehr Probleme auf Station. Schliesslich wird es ruhiger. Zwei letzte Patienten schlagen auf. Mein Uhu übernimmt den einen, ich den anderen. Meiner ist recht schnell abgehakt. Auf der linken Seite sind beide Schambeinäste und das Sitzbein gebrochen. Der bleibt über Nacht. Rasch alles aufgleisen, Bett organisieren, auf Station verlegen. Uhu hat länger mit ihrem, ist aber komplett selbständig. Reinzupfuschen wäre gemein, das ist ihr Patient.

Die Nachtärztin kommt. Ich bin frei.

Immernoch hustend und komplett ohne Stimme trete ich die über 2h Zugfahrt nach Zürich an. Ich werde meine ganzen Weihnachtsferien damit verbringen gesund zu werden.

Wenn ich das Wochenende krank überstehe, werde ich es auch gesund überstehen. Voller Erfolg. Wieder ein Meilenstein abgehakt.

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