Die Rega kommt

Auf der Station gibt es nicht allzuviel zu tun, meine Arbeitskollegin hat den grössten Teil schon erledigt. Ich kümmere mich um die ambulanten Patienten. Ich sitze am PC und dokumentiere den zuletzt gesehenen, als Priska, die Notfallpflege, sich neben mich stellt, so dass ich hören kann, was sie am Telefon bespricht.

„Junge Frau. Mhm. Hirnerschütterung. Ja. Wann landet ihr? 20 Minuten? Okay, danke.“ Sie grinst mich an, als sie das Telefon auflegt. „Die Rega kommt.“

Die Rega kommt! Natürlich sehe ich sie hier nicht zum ersten Mal, aber ich bin zum ersten Mal die zuständige Ärztin. Das heisst, ich bekomme vom Rega-Arzt die Übergabe. Ich gehöre zu den Grossen. Ich darf am Erwachsenen-Tisch essen. Und so.

Ich schaue mir ein paar andere Patienten an und bespreche sie mit dem leitenden Arzt. Gerade wollen wir uns jemanden anschauen, den wir einen Tag zuvor operiert haben, als mich Priska ruft. Die netten Kollegen mit dem Hubschrauber sind da.

Die Regaärztin ist nett. Das ist schonmal nicht selbstverständlich. Häufig sind das erfahrene Kollegen, welche kleine Grünschnäbelchen wie mich nicht ganz ernst nehmen können. Oder es sind unerfahrene Kollegen mit einem unglaublich aufgeblasenen Ego. Aber die heute ist freundlich und fröhlich. Während ihr Kollege die Patientin auspackt und für den Transfer vorbereitet, fasst sie mir kurz zusammen, was sie weiss.

Frau N., ist 31 Jahre alt und war skifahren. Sie ist gestürzt und kurz liegengeblieben, dann wieder aufgestanden und weitergefahren. Ihr Freund hat dann festgestellt, dass sie „komisch“ sei und die Flugrettung alarmiert. Die nette Kollegin im schönen roten Gwändli und ihr Team haben sie dort aufgelesen und zu uns gebracht. Der Freund kommt später nach, mit dem Bus.

Frau N. ist soweit stabil. Ihr Blutdruck ist normal, ihr Puls, ihre Atmung. Weder hat sie irgendwo kein Gefühl mehr, noch keine Kraft. Die Pupillen sind normal gross und reagieren gut auf Licht. Mit ihrem Nervensystem ist alles tiptop – aber sie weiss weder, wo sie ist, noch, wann sie ist. Datum und Wochentag sind falsch, ihr fehlen zwei Tage. Sie ist nicht sicher, in welchem Skigebiet sie war, und in welchem Spital sie nun ist. Sie hat keine Ahnung, was passiert ist, aber sie weiss, dass ihr Kopf schmerzt.

Sie hat eine Hirnerschütterung. Und so beginnt mit ihrem Eintreffen ein Spiel, das sich etwa im Minutentakt wiederholt.

Sie beginnt jeweils mit „So, jetzt bin ich wirklich wach. Vorhin war ich irgendwie nicht ganz da.“ Dann kommt „Sagt ja nicht meiner Familie, dass ich hier bin! Das dürft ihr nicht, ich bin alt genug! Die wissen nichts von meinem Freund und dürfen es nie erfahren!“ und „Bin ich hingefallen? Mein Kopf tut weh.“ Dann erzählt sie irgendwas über ihre Freunde, ihre Arbeit, einen seltsamen Traum von einem Helikopterflug oder über ihre sehr konservative Familie. Schliesslich ist sie einen Moment still, schaut mich an und sagt: „So, jetzt bin ich wirklich wach.“

Die Rega-Ärztin schmunzelt und nickt mir wissend zu. Dasselbe hat sich wohl im Heli schon abgespielt. Ihr Team packt zusammen und verabschiedet sich. Wir werden uns in den nächsten Wochen und Monaten öfters sehen, die Saison hat gerade erst angefangen. Früher wäre ich wohl ein bisschen neidisch gewesen auf ihren Job, heute habe ich selbst einen, der mir gefällt.

Wir entscheiden uns für ein CT – was zum Glück keine Blutung zeigt. Aber das könnte ja noch werden. Wir nehmen Frau N. auf die Station auf für 24 Stunden, zur Überwachung.

Soviel zu meiner ersten Begegnung mit unseren fliegenden Arbeitskollegen. Die Zusammenarbeit war tiptop, alle waren freundlich, alles lief glatt.

Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

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2 Kommentare zu „Die Rega kommt“

  1. Mein Bruder hat einmal beim Fußball (er ist Torwart) einen Fuß gegen den Kopf bekommen und hatte dann auch nur noch ein Kurzzeitgedächtnis von zwei Minuten. Die Pflegerinnen haben mich dann in den eigentlich für Nicht-Patienten und Nicht-Personal verbotenen Notfall-Bereich gelassen, weil er sie so genervt hat. Da durfte ich mir dann dreißig Mal die gleichen Fragen anhören – als böse Schwester kann man ja die Antworten ein bisserl variieren und gucken, wo er sich mehr aufregt, hehe 😀 Am Ende hat er es zum Glück gut überstanden, scheint einen robusten Schädel zu haben.

    Bin heute auf dein Blog gestoßen und finde es sehr nett, werde gerne weiter mitlesen und wünsche dir viel Erfolg!

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    1. Vielen Dank! Diese immergleichen Fragen… Am Anfang ists noch lustig, aber nach dem vierten Mal ists wirklich etwas nervig. Man darf einfach nicht vergessen, dass der Patient nichts dafür kann 😀

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