Alltag im Ops: zämeklappe (moll ehrlich)

Eigentlich ist es ein Tabuthema in vielen Spitälern: Das Zusammenklappen am Opstisch. Manche Operateure, so heisst es, lassen einen nicht mehr assistieren, wenn man mal vom Tisch wegmusste. Das OP-Personal macht sich lustig, man wird nicht mehr ernstgenommen. „Das passiert nur den Schwachen“, heisst es. „So kannst du nicht Chirurg werden.“

Alles Bullshit.

Stells dir so vor: Du isst Frühstück. Sagen wir mal, um 7 Uhr. Nach dem Rapport trinkst du noch einen Kaffee, dann, sagen wir 8 Uhr, gehst du in den Saal. Vielleicht hast du ein paar Hüften und Knie vor dir, oder Spiegelungen, Hernien, Gallenblasen. Dazwischen hast du vielleicht kurz Zeit für ein Stück Brot und/oder einen Kaffee. Trinken möchtest du lieber nichts, auf die Toilette kannst du ja sowieso nicht. Und wer weiss schon, wann der Drang kommt? Bestimmt im ungünstigsten Moment.

Vielleicht hast du du nicht gut geschlafen. Vielleicht bist du ein bisschen angeschlagen oder hast gestern sehr lange arbeiten müssen. Du stehst an den Tisch, eingepackt in den wärmenden sterilen Papiermantel, atmest deine warme, feuchte Ausatemluft wieder ein. Du hältst ein Bein hoch. Es ist schwer. Die Zeit vergeht.

Irgendwann fängts dann an. Zuerst wird dir schlecht. Das macht nichts, das vergeht wieder, sagst du dir. Du konzentrierst dich aufs Atmen. Atme die Übelkeit weg. Klappt nicht, es wird schlimmer. Deine Knie werden weich. Du schimpfst mit dir oder spornst dich an. Du schaffst das! Nur noch 10 Minuten. Oder 20. Das wird schon. Die Übelkeit wird mehr. Deine Hände zittern. Vor deinen Augen verschwimmt alles, dein Magen krampft.

Wenn du dich kennst, weist du, wann du aufgeben musst. Regel Nummer Eins: Kotze nicht ins Operationsgebiet. Das wäre worst case. Wenn du ohnmächtig wirst, müssen sich ein paar Leute um dich kümmern. Die rennen dann. Und wer schaut dann zum Patienten? Wenn du schlau bist, gibst du früh genug auf, dass du noch selber rauslaufen kannst.

Ein gutes OP-Team weiss, dass das passieren kann. Der Umgang mit solchen Zwischenfällen ist eins der Merkmale für die Stimmung und das Arbeitsklima. Gut, sie werden dich vielleicht die nächsten paar Wochen fragen, ob du schwanger bist. Jemand wird dir einen Schwangerschaftstest zustecken. Niemand wird böse, niemand lacht dich aus. Bei der nächsten OP bist du wieder dabei. Niemand nervt sich mehr ab diesem Zwischenfall, als du. Niemand setzt dich mehr unter Druck, als du. Aber du hast nicht versagt, das kann jedem passieren. Wer etwas anderes behauptet, lügt, so einfach ist das. Und spätestens am nächsten Tag stehst du wieder im Saal, beteuerst, dass du nicht schwanger bist, und stehst es durch.

 

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