Trepanieren geht über Studieren

Ein 19jähriger kommt abends zu mir auf den Notfall.

„Ich hab mir den Finger beim Arbeiten unter einer Platte eingeklemmt.“

„Wann?“

„Gestern. Und heute nochmal, in einem Fensterbock. Und jetzt tuts weh.“

Ich sehs. Das Fingerendglied ist geschwollen und empflindlich, ich kanns kaum anfassen. Unter dem Nagel ist ein schwarzer Bluterguss.

„Hat der gestern schon so ausgesehen?“

„Ja, und er hat so geklopft, wie kleine Pulsschläge in der Fingerspitze.“

„Und Sie sind heute trotzdem so arbeiten gegangen.“ Eine Frage ist das nicht. Ich kenne meine Pappenheimer hier oben langsam.

„Ja… Ich war gestern noch in der Apotheke, und die haben mir das hier gegeben.“ Er holt ein Fläschchen Arnikaglobuli hervor.

„Und, hats was gebracht?“

„Nein…“ Eine Schachtel Dafalgan wäre billiger gewesen und hätte wenigstens die Schmerzen genommen. Seufz.

Ich veranlasse ein Röntgenbild vom Finger. Gebrochen ist nix. Damit ist wohl der Bluterguss unter dem Nagel an allem schuld. Subunguales Hämatom nennt man das, und ich weiss, was man da theoretisch macht. Ich rufe also den Chef an und schildere ihm den Fall.

„Und, was machst du jetzt?“, will er wissen.

„Ein Loch in den Nagel bohren.“

„Gut, viel Spass.“

„Ich hab das noch nie gemacht.“

Er lacht. „Ist ganz einfach.“ Er beschreibt mir die Prozedur kurz. „Das schaffst du allein. Und wenn nicht… Ich gehe in 10min nach Hause. Bis dann kannst du mich rufen.“

Ich gehe zurück zum Patienten. Ich habe wieder Glück und eine sehr gute Pflegekraft, die mir schon alles bereitgelegt hat. Das wird lustig.

Ich desinfiziere den Nagel. Dann nehme ich die rosa 18G Kanüle, eine schön grosse Nadel, und beginne, sie in den Nagel zu bohren. Kleine, leichte Drehbewegungen. Ich trau mich kaum, Druck daraufzugeben, aber die Nadel ist scharf und bohrt sich auch so schön durch. Sekunden verstreichen. Wann weiss ich, wann genug ist? Meine Frage wird von allein beantwortet, als Blut aus dem von mir gebohrten Loch quillt.

Wir atmen auf. Er noch zu früh, denn ich mache noch mehr Löcher. Drei insgesamt. Wenn die Blutquellen versiegen, bohre ich noch ein bisschen nach. Smalltalk dazwischen. Mehr Blut. Ich drücke vorsichtig.

Irgendwann ist unter dem Nagel wieder helles Nagelbett zu sehen. Nur noch wenig Blut kommt aus den Löchern. Er atmet auf, der Druck ist weniger geworden. Schmerzen hat er immernoch. Aber wen wunderts. Er hat sich zweimal den Finger eingeklemmt, und Wunder vollbringen kann ich halt auch nicht.

Ich gehe und schau mir Youtube-Videos dazu an, während die Pflege einen Verband macht. Und bin zufrieden: Bei mir hats etwa ähnlich ausgesehen. Geht doch.

Wenn der Chef sagt, ich schaffs alleine, dann meint er es auch.

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