Geburtshilfe? Hilfe!

Schon lange wurde mir angedroht, ich hätte mal eine Geburt abzusitzen. Im Falle, dass die Gyn-Assistenzärztin nicht da ist, betreuen nämlich wir Chirurginnen die Gyn. Bei Geburten in der Nacht wird der Nachtarzt gerufen, am Wochenende der Dienstarzt. Die Chancen, dass ich früher oder später damit konfrontiert bin, ist also fast 100%. Kürzlich hat nun der Blitz eingeschlagen, und dies gleich zweimal, sozusagen.

Am Morgenrapport liess uns der Satz „Achja, und Frau B. ist im Gebärsaal“ aufhorchen. Frau B hat die letzten zwei Wochen hier verbracht. Sie erwartet Zwillinge und hat Wehenhemmer und Lungenreifer bekommen. Nun, in der 36 + 0 Schwangerschaftswoche, darf sie endlich loslegen. Die Gyn-AAe war krank, also kamen wir zum Zug. Fast gab es ein bisschen Streit, welche von uns denn nun hin darf/soll/muss, immerhin erlebt man nicht jeden Tag eine Zwillingsgeburt. Als schliesslich der Anruf vom Chefgynäkologen kam, rannten wir beide.

Eintritt in den Gebs (Gebärsaal). Es riecht gut, nach irgendeinem Aromaöl. Draussen scheint die Sonne, es ist hell und freundlich im Raum. Die Mama sitzt halb aufrecht, Hände in die Matratze des Stuhls gekrallt. Um sie herum stehen Papa, Gynichefs 1 und 2, sowie zwei Hebammen. Ich atme kurz auf. Die kenne ich beide, die sind nett. Überhaupt ist die Stimmung ruhig und locker. Erwartungsvoll, ja, aber trotzdem entspannt. Liebevoll. So, wie ich mir Geburten immer vorgestellt habe. Nicht so, wie ich sie in den Lehrvideos an der Uni gesehen habe.

Ich wage einen Blick zwischen die Beine. Köpfchen sichtbar, dunkle Haare. Zwilling 1 ist im Anmarsch. Mein Job ist das Einstellen der Apgar-Uhr zum richtigen Zeitpunkt. Der Apgar-Score dient zur Beurteilung des Neugeborenen und wird 1, 5 und 10min nach Geburt und setzt sich aus offensichtlichen Dingen zusammen wie Hautfarbe (blau oder rosig?) oder Puls. Auch die Erhebung des Apgar gehört zu meinen Aufgaben. Uhr einstellen, und wenn sie piepst, kurz aufs Herz hören und mir die Punktzahl zwischen 0 und 10 überlegen.

Ebenfalls, und das ist aus Sicht der Hebammen mindestens genauso wichtig wie das Einstellen der Uhr, habe ich die Aufgabe, warme Tücher aus dem Wärmeschrank zu reichen, wenn das Neugeborene da ist. Eine ehrenvolle Aufgabe. Die kleinen Körper kühlen schnell aus.

Wenn ich die Uhr eingestellt und die Tücher gebracht habe, dann gehört das Kind kurz mir. Ich muss auf Lunge und Herz hören und den Minimenschen von oben bis unten gut mustern. Fingerchen und Zehen zählen, an den Öhrchen rumfingern, Genitale inspizieren. Dem allenfalls misstrauisch zuschauenden Vater erklären, was man macht. Dann Baby wieder einpacken und ab zum Papa. Dann kommt meine letzte Aufgabe: Nabelschnur-pH messen. Dafür muss ich samt Nabelschnurstück ins Labor, ein gläserned Röhrchen mit Blut daraus füllen und in die Analysemaschine stecken.

Hier ist der Ablauf ein bisschen anders. Der Anfang ist wie gehabt, Kind kommt, wird eingepackt, meine Kollegin untersucht es, alles gut, gesundes Mädchen, ab zum Papa. Nur, Zwilling 2 steckt ja immernoch in der Mama. Und auf den Burschen warten wir jetzt. Und er lässt sich ganz schön Zeit.  Die Gebärmutter hat jetzt nämlich keinen Bock mehr und produziert nur noch kleine, kurze, schwache Wehen. Und die helfen dem Buben nichts. Mama mag auch nicht mehr wirklich. Die Minuten schleichen. Nochmal eine Wehe. Nochmal eine. Baby kommt nicht.

Die Stimmung schlägt um. Mama kann nicht mehr, sagt sie. Glaube ich ihr gern. Wieviele Frauen sind nach einer Geburt schon total fertig – und sie muss gleich nochmal eine anhängen? Immerhin Baby gehts gut in den Armen von Papa. Gynichefs 1 und 2 werden etwas energischer. Die ältere, erfahrene Hebamme auch. „Klar kannst du noch! Komm! Nochmal!“ sagt sie in einer Stimme, die absolut keinen Widerspruch duldet. Mama kann doch nochmal.

Papa ist ganz woanders. Er steht mitten im Raum, seine Tochter im Arm. „Auf deinen Bruder warten wir noch“, sagt er von Zeit zu Zeit. Für Mama hat er kaum mehr Augen. Nur noch für das rosige, zufriedene Bündel in seinem Arm. Das Mädchen ist eine halbe Stunde alt, als Hebamme 2 und ich beschliessen, dass es neue warme Tücher verdient hat. Als wir es auspacken, meckert es uns lautstark an. Sorry Kleines. Währenddessen krampft Mama sich immernoch ab.

Eine Stunde nach dem Mädchen darf auch der Junge Mama von aussen angucken. Ich bin bereit. Ich pack ihn mir und hör auf das schnelle, kleine Herzchen und auf die Lunge. Er meldet sich schneller und lauter zu Wort als seine Schwester. Lunge gut. Schön. Ich untersuch den Kleinen und geh dann mit der Nabelschnur auf einen Ausflug ins Labor.

Als ich zurückkomme, ist Mama immernoch total fertig. Und ein bisschen schlecht mit dem Kreislauf. Die Hebammen sind nun wieder froh um ein paar zusätzliche Hände und legen mir Töchterchen in den Arm. Papa wiegelt das Söhnchen. Mama wird schlecht.

Ich gehe auf Aufforderung samt Mädchen im Arm ins Schwesternzimmer, um Babykleider zu holen. Mädchen ist natürlich die Attraktion schlechthin bei den Pflegefachfrauen. Neugierig schaut es zu mir hoch und auf die fremden Hände, die seine Nase stupsen und sein Köpfchen tätscheln. Es ist immernoch ruhig und zufrieden in meinem Arm. Von Zeit zu Zeit gähnt es und zeigt mir das Innere seines winzigkleinen Mäulchens.

Ich geh zurück und ziehe den Zwillingen, eins nach dem anderen, hübsche kleine Windeln, Bodys, Jäckchen und Mützchen an. Papa wiegelt den jeweils anderen Zwilling in den Armen und telefoniert mit den Grosseltern. Mama kotzt nebenan.

Ich darf gehen.

Das war super.

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