Die Kamerafrau oder Mein Freund die Hand-Augen-Koordination

Bisher war ich mehrheitlich in orthopädischen Operationen. Das liegt daran, dass eine Arbeitskollegin tatsächlich Chirurgin werden will (als einzige von uns vier Assistenzärztinnen) und die allgemeinchirurgischen Operationen benötigt, um ihren Katalog zu füllen. Der Chef mag das, weil er seine besondere Förderung dann ganz auf sie konzentrieren kann. Nicht, dass er jemanden vernachlässigt – aber es ist halt einfacher für ihn so. Und für sie natürlich auch.

Nun, eines Tages stehe ich aber doch noch in einer Gallenblasenoperation. Steine drin + Schmerzen = raus damit. Auf schlau heisst das „Laparoskopische Cholezystektomie“. Ich sag dazu „Lap Galle“. Weils so schön kurz ist. Das „laparoskopisch“ oder „lap“ steht dabei für die Schlüssellochtechnik, bei der eine Kamera und ein paar Instrumente an langen Verlängerungsstäben in den Bauch gesteckt werden. Man sieht nichts direkt, sondern  nur 2d über den Bildschirm. Coole Sache, aber anspruchsvoller, als wenn man alles direkt antatschen und dran rumzupfen kann. Der ganze Film wird aufgenommen und auf einer CD gespeichert, sodass er für die Nachwelt (oder fiese hinterhältige Juristen) erhalten bleibt.

Die Operation macht natürlich der Chef. Wir sind dabei zu zweit. Mein Job ist die Kameraführung. Ich war schonmal in einer lap Galle, aber das war als Uhu. Und bei einem Chef, bei dem es dem Uhu verboten war, die Kamera schräg anzuschauen. Ich habe also noch nie die Kamera geführt. Aber der Chef ist nett und geduldig. Was kann schon schiefgehen?

Die Kamera selbst… Es ist wie ein Laserschwert, das man in einen Bauch steckt. Hinten der klobige Griff mit Schalter und Rädchen und der Lichtquelle daran. Dann der lange Stab mit der Linse vorn, der durch einen Metalltunnel in den Bauch geht. Wenn ich die Lichtquelle nach rechts drehe, schaut die Optik 30° nach rechts. Dasselbe nach links. Okay. Das geht. Oder?

10 Minuten später fühle ich mich wie der letzte, unfähigste Idiot auf Erden. Ich habe kein Gespür für den Zoom. Wo ist das Zoomrad nochmal? Wie halte ich die Kamera am besten, damit ich einen Finger frei habe für den Zoom? Wie tief kann ich das Ding reinstossen? Wie weit rausziehen? Woran hänge ich jetzt fest? Und die wichtigste Frage: Was zeige ich, wie gross, und aus welchem Winkel?

Dann darf man die Kamera nicht nach links oder rechts abkippen, weil dann der Horizont kippt. Also manchmal muss man das. Aber es sollte nicht hin und her schwanken, sonst wird uns schlecht. Keine zu schnellen Bewegungen, wenn ich die Kamera hineinstosse oder herausziehe, sonst wird uns schlecht. Eine ruhige Hand ist wichtig. Nicht immer meine Stärke.

Weitere 10 Minuten später habe ich den richtigen Griff herausgefunden. Ich schaue gebannt auf den Bildschirm. Wenn ich etwas ändern muss oder will, schaue ich immer auf den Bauch – und tadele mich sofort innerlich. Meine Hand macht dabei unwillkürlich eine kleine Bewegung, die macht aber viel aus bei der Vergrösserung des Bilds. Und wozu schaue ich überhaupt hin, ich sehe ja gar nichts auf dem Bauch, was mir helfen könnte.

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich denke: „Buh das Bild ist aber schlecht eingestellt, sieht der überhaupt etwas?“ und dann zwei Sekunden später „oh Mist das wäre ja mein Job!“ Ich befürchte immer noch, dass er gleich nach der anderen Assistentin verlangt, weil er mit mir so nicht arbeiten kann. Der Patient ist nicht wahnsinnig stabil, die Narkoseleute drängen auf raschen Abschluss.

Nach einer Stunde klappt es gar nicht schlecht. Meine Hand führt die Kamera nur noch mit ganz kleiner Verzögerung da hin, wo meine Augen hinwollen. Es geht rascher voran. Der Operateur ist gut gelaunt und plaudert aus dem Nähkästchen. Die Narkose ist nicht mehr so quengelig.

Am Schluss der Operation finde ich es doch fast schade, dass es vorbei ist. Ich brauche wohl noch ein bisschen, bis ich mich an das Handling gewöhne. Meine Naht ist schlecht, aber nicht, weil ich die Nadel schlecht geführt habe, sondern weil ich diese Art Naht noch nie gemacht habe und vom zuschauen nicht ganz begriffen habe, wie man die Fäden genau führen muss. Ein kurzer Zupf vonseiten des Chefs und die Naht sieht genauso schön aus wie seine. Man muss nur wissen, wie.

Steristrip. Pflaster. Fertig. Am Ende fühle ich mich gar nicht so schlecht. Das mach ich wieder einmal.

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